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In jedem Wesen die eigene Mutter erkennen

von | 27. Aug 2019 | 0 Kommentare

In jedem Wesen die eigene Mutter erkennen – Auf dem buddhistischen Pfad erlernen wir so einige Tricks und Haltungen, die unseren eigenen Geist aufhellen und uns wieder zu liebenswerteren Geschöpfen machen.

Dann, wenn wir in unannehmbare Beziehungen verwickelt sind, Menschen als schwierig erleben.

Buddhistisches Geistestraining ist so erfinderisch, so kreativ! In dieser Religion war den Anhängern immer schon klar, dass das, was ich mir selber sage, auch auf alle wirkt, und das, was ich anderen sage und wie, wiederum mich direkt beeinflusst.

Eine Übung besteht darin, dass ich in anderen Menschen meine Mutter sehen lerne.
Was für ein wunderbarer Gedanke! Buddhisten meinen das tief ernst, nebenbei gesagt, nicht nur metaphorisch. Irgendwann in den Myriaden von Zeitaltern wird wahrscheinlich jedes Wesen meine Mutter gewesen sein. Ebenso umgekehrt, wir werden für alle Mütter gewesen sein. Nun sind wir allerdings nicht nur gehalten, dieses tiefe Wissen auf unsere Mitmenschen auszudehnen, sondern auf alle Lebende! Pflanzen, Steine, Elemente, Tiere…

Ich kenne auch von Thich Nhat Hanh den Hinweis, andere und uns selber als unser “einziges Kind” anzusehen. Diese Vorstellung hat mir schon oft geholfen, mich zutiefst angerührt, mir Kräfte verliehen, die nicht da zu sein schienen.

Nun aber zurück zur Mutter. Das Mutter-Sein hat eine andere Qualität.
Obwohl mich das Bild stets angerührt hat und ich es beleben konnte bis hin zu lästigen und für mich ekeligen Insekten oder Würmern, gab es da eine Hemmschwelle, die ich nicht benennen konnte. Bis ich in der vergangenen Woche den Schlüssel fand, und vielleicht passt ja der Schlüssel für noch mehr Menschen.
Lange hatte ich mit meiner Mutter ein schwieriges Verhältnis, auch schon, als ich fraglos zu ihr reiste an Festtagen und nach meinen Möglichkeiten für sie da gewesen bin. Ich kenne viele Frauen, auch ältere, die das Verhältnis zu ihren Müttern als kühl, als wenig oder gar nicht nährend bezeichnen würden.

Wenn wir diese eben beschriebene Erfahrung als durchnittlich gültige Realität unseres westlichen Lebens anerkennen: Kann uns dann eine Metapher, die zweifellos aus Asien stammt, überhaupt nützlich sein? Ich fand gestern, beim weiteren tiefen Nachdenken: Ja und Nein, und auch dazwischen ist richtig.

Ich will versuchen, meinen Gedankengang zu erläutern. Wir können nicht alle Metaphern verwenden, ohne sie tief zu prüfen und vielleicht zu verwerfen. Gerade am Beispiel unserer Eltern, unseres Umgangs mit ihnen, jedenfalls im urbanen Raum, zeigt sich: Im Westen gilt es als gelungene Ablösung von den Eltern, wenn der oder die Jugendliche, oft nach kraftvollen Kämpfen und Provokationen, die Werte der Eltern radikal in Frage stellt und sich auf seine Quest begibt: Das eigene Lied zu finden und es singen zu lernen. Die Eltern sind dann gerade nicht oder nie mehr die engsten Vertrauten, und über erlittene Traumata, die nicht ins heilende Wort genommen werden konnten, entzweien sich viele Familienmitglieder untereinander.

Natürlich sehe ich dann oft meine Mutter im Anderen, bei so einer Geschichte, aber das nimmt mich nicht für sie ein, sondern ganz im Gegenteil. Mütter werden gehasst, beschimpft, verlassen. Wir haben nicht gelernt, wie man Mütter auf gesunde Weise lieben kann. Mütter können ganz schön grausam sein, haben wir erfahren. Sollen, müssen wir sie trotzdem lieben? Was ist “Lieben” überhaupt? Oder ist hier eher “Respektieren” gemeint?

Es ist und bleibt verwirrend. Über längere Strecken unseres Lebens kann uns dieses Bild kaum nützen bzw. der Beziehungsverbesserung und wie ich durch mein Leben gehe und “schwierigen Mitmenschen” begegne. Wie ist es, wenn ich “Liebe” durch “Mitgefühl” ersetze? Durch das Erforschen dessen, was Mitgefühl ist oder sein könnte, bin ich einem Liebesbegriff jenseits von Schwankungen, Launen und Abnutzung in romantischen Paarbeziehungen näher gekommen. Je älter ich und meine Mutter werden, das heißt auch, je realistischer ich meinen und den Fehlern meiner Mitmenschen begegne, desto stärker werden Barmherzigkeit, Geduld und Friedfertigkeit. Was nicht heißt, dass ich keine Grenzen setzen würde, im Gegenteil, auch diese schwierige Fertigkeit ist gewachsen.

Eine andere alte Dame, ein altes “Mütterchen” auf der Straße zu sehen, kann mich in der Tat zu Tränen und Taten rühren, wenn ich meine Mutter in ihr sehe. Aber auch missliebige Tiere, seltsame Wesen flößen mir Respekt ein und animieren mich durchaus, Achtsamkeit und Behutsamkeit walten zu lassen.
Inzwischen ist es sogar so weit mit mir gekommen, dass ich meiner realen Mutter, die mit neunzig Jahren noch alleine lebt, recht und schlecht, auch Respekt zollen kann für ihre sehr schwierigen, kaum akzeptablen Seiten. Ich erkenne: Es ist so schwer, Mutter zu sein! So schwer, mehrfache Mutter zu sein, so schwer, lieben zu lernen in dieser oft lieblosen Welt. Daher stimmt die Übung eben am Ende doch: Mütter verdienen unseren Respekt, denn sie haben ihren Körper und noch viel mehr gegeben, damit ein anderes Wesen Schutz hat und heranwachsen kann.

Gibt es ein bewegenderes, ein überzeugenderes Bild, Mitgefühl auszudrücken? Vielleicht können wir auch dies von unseren asiatischen Schwestern und Brüdern lernen: Unsere Mütter, alle Mütter wieder zu lieben.

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