20 Jahre Frauenschreibschule Kalliope

„Erst einmal ist KALLIOPE eine Muse, nämlich die Muse des Wohlklangs oder der Schönstimmigkeit. Sie ist ferner die Mutter von Orpheus, dem „Gott mit der Leier“. Das Wort „Lyra“ stammt von „Leier“, dem alten Saiten-Instrument.“

Muse Kalliope

Was ist/war KALLIOPE-Frauenschreibschule? Teil I

Erst einmal ist KALLIOPE eine Muse, nämlich die Muse des Wohlklangs oder der Schönstimmigkeit. Sie ist ferner die Mutter von Orpheus, dem „Gott mit der Leier“. Das Wort „Lyra“ stammt von „Leier“, dem alten Saiten-Instrument. Als Lisa Becker-Saaler, meine Freundin und werdende Partnerin als Co-Leiterin beschlossen, dass wir Schreibwerkstätten nur für Frauen anbieten wollten, erschien mir eines Tages das Foto von der Muse, wie es im Louvre hängt. Als ich das Lisa zeigte, war sie gleich begeistert. Warum sollen nur Männer Musen haben, die sie bei ihrem künstlerischen Tun inspirieren?

So wurde nach längerem Hin- und Her-Schreiben die Frauenschreibschule KALLIOPE geboren, die zu Beginn, für einige Jahre, acht Module hatte, meist Wochenenden, zwei davon um einen Tag verlängert. Kreatives Schreiben war eines davon, damit begann der gesamte Weg.

Die ersten „Langzeitgruppen“ verlangten von den Interessentinnen ein Einführungs-Wochenende in Bonn, danach waren sie frei und hoffentlich motiviert, sich anzumelden. Wie mutig waren wir! Wir wollten, dass die Schule, wir wir sie dann aus praktischen Erwägungen nannten, wirklich das würde, was die Studentinnen erleben und trainieren wollten: Ihre eigene Stimme zu finden und sich auf einen tiefen Prozess einzulassen.

Das Design für den „Herzensweg“, wie ich ihn auch nannte, war mir, die ich vorher schon ein paar Jahre mit Langzeitgruppen in Bonn gearbeitet hatte, schnell klar:  Zu Beginn würden wir das Basis-Handwerkszeug zu Verfügung stellen, das im Wesentlichen aus einer Fülle von Schreibspielen, -techniken und -methoden besteht. Dazu kamen während des ersten Moduls poesiegruppenpädagogische Übungen, die Vertrauen und Sicherheit wachsen lassen würden.

Um die ureigene Stimme aufs Papier fließen lassen zu können, und zwar immer, möglichst unter allen Umständen, in denen man gerade noch schreiben kann, ist es unumgänglich, das eigene Leben in Bezug auf das Schreibenlernen (Schreib- und Lebenslinie) zu reflektieren, am besten schriftlich, poetisch, teilweise in der Gruppe, um die Muster zu erkennen und diese dem Schreibprozess unterzuordne bzw. diese in das Schreiben  miteinzuweben. Allzuoft lassen wir uns von unproduktiven Mustern lähmen, am Schreiben hindern. Sich Vieles davon bewußt zu machen, aber oft auch, um das eigene Talent zu entdecken, vielleicht sogar zu entfalten, dazu dient am Anfang das Modul „Autobiografisches Schreiben – Ich schreibe, also bin ich“. Manche kommen davon nicht mehr los und entscheiden irgendwann, dass sie mindestens Memoiren oder einzelnen Lebensphasen oder ihre Lebenserzählung schreiben möchten.

Blockaden, Hindernisse werden entweder sanft umschifft, mit Herzblut beschrieben oder mehr aus der Distanz, oder sie werden zu Kapitelüberschriften. Manche brauchen eine längere, poetische Behandlung.

Um dann etwaige Blockaden noch anders aufzuspüren, wurde das Modul „(Selbst-)-therapeutisches Schreiben – Wunden in Worte verwandeln“ kreiiert, das allerlei Hilfsmittel anbietet, um sich selber auf die Schliche zu kommen, wenn das mit dem Schreiben und Leben nicht so rund läuft. Briefe, Dialoge, Märchenschreiben gehören traditionell dazu, aber noch viel mehr. Ich möchte nicht alles verraten. Alles, was ich zur Anwendung anbiete, habe ich selber gründlich geübt und mache das immer noch, in Krisensituationen. Mit „Heilung“, also dem Wort „Therapie“ ist hier Integration gemeint, Ganzwerdung. Beziehungsweise der Ganzheit wieder inne werdend. Fünf Tage an diesen Themen zu arbeiten, wie ich es nach einigen Jahren in der Schreibschule einführte, ist nicht zuviel. Und es macht Freude, einen großen Teil der „Medizin“ immer zur Hand zu haben. Das ist ohne Hybris gesagt, ich warte nicht zu lange, um Ärzte, Beratungen, Coachs oder Therapeuten zu konsultieren, wenn ich es brauche.

Das dritte Modul „Meditatives Schreiben – Der Sprung in den Brunnen“ war immer frei wählbar, und es konnten auch externe Interessentinnen teilnehmen. Ich liebe es besonders, nicht mehr als die anderen Module, aber eben besonders. Vielleicht, weil es so besonders ressourcen-orientiert ist, wir Stille-Zeiten vereinbaren, uns von Weisheitstexten inspirieren lassen bzw. selber welche schreiben….Einige meiner späteren Projekte ist hieraus entstanden. Das Angebot „Schreiben ist wie Atmen“ im Waldhaus – Buddhistisches Zentrum am Laacher See, das ich bestimmt schon zwei Jahrzehnte anbiete, und „Schreiben und Wandern“ sowie die Pilgerfahrten sind alle besonders durch dieses Modul inspiriert. Manche in unserem Kulturkreis würden vielleicht eher sagen: Kontemplatives Schreiben. Das ist genauso gut.

Das vierte Modul besteht darin, ein eigenes Projekt, meist ein Schreibprojekt zu kreiieren und zu verfolgen. Meist sind die Frauen auch von alleine soweit.

Hier erfolgt sozusagen der Teil der Schule, bei dem es nicht mehr NUR absichtslos zugeht. Beide Fähigkeiten kommen hier zusammen: Planen und loslassen. Und während des Schreibvorganges selber: Immer mehr loslassen. Der Titel lautet: „Schreiben lernt frau durch Schreiben – Einführung in Lyrik, Kurzgeschichte, Essays und die Planung eines eigenen Schreibprojektes.“ So wie jede Teilnehmerin bei mir ihr Märchen schrieb, so schrieb auch jede mindestens ein Sonett. Manche lernten es lieben. Ich selber auch! Ein wunderbares Modul, für das macn sich zwei Wochen und mehr wünschte. Hier wird auch über die Abschluss-Lesung am Ende der Schreibschule nachgedacht, die Öffentliche Dichterinnen-Lesung, zu der Freunde und Verwandte eingeladen werden.

Und das fünfte ist dann das Modul „Coming-out: Ich zeige mich als Künstlerin/Autorin/Publizistin…“  Den „Weg der Heldin“ beschreibt jede noch einmal, schaut dabei zurück und nach vorne: Wo will ich hin nach Kalliope? Die Lesung wird in einer Generalprobe geübt, die Zertifikate werden feierlich verteilt, und das Ende eines langen, mutigen Weges wird würdig und gesammelt während der Lesung, aber auch ausgelassen begangen.

Am Samstag, 24.8.2019 fand die letzte Dichterinnen-Lesung von Absolventinnen der Frauenschreibschule statt. Ein großartiges, berührendes Erlebnis, an einem mir bekannten Ort in Bonn: Café Cultura. Ich verbeuge mich, sage Adé und schreibe demnächst einen kürzeren Teil II.

Eure Monika

Bericht über die Frauenschreibschule KALLIOPE, Teil II:

Eine Würdigung meiner Freundin Lisa Becker-Saaler, Mitgründerin der Frauenschreibschule KALLIOPE

Ich lernte Lisa, geboren 1961, während meines ersten Schreibkurses in der Familienbildungsstätte Bonn kennen. Der Kurs würde gleichzeitig als meine erste Schreibgruppe fungieren, die ich leiten und deren Prozess ich dokumentieren würde. Diese Analyse habe ich im Institut für Kreatives Schreiben (I.K.S.) eingereicht und wurde als ‚Poesiepädagogin‘ bzw. ‚Lehrerin für Kreatives Schreiben‘ zertifiziert. Wir duften wählen, wie wir uns nennen wollten. Ich erinnere mich genau daran, wie Lisa und ich, beide Fahrradfahrerinnen, den Heimweg gemeinsam antraten, weil wir beide auf der anderen Rheinseite, in Beuel, wohnten und diskutierten. Ja, in bester Weise diskutierten, das ist heute etwas aus der Mode gekommen. Vor Erregung stiegen wir ab, erläuterten ein Argument, bevor wir weiterfahren konnten. Nicht selten „mussten“ wir noch einen Stopp einlegen im kleinen italienischen Restaurant Ecke Hermannstraße neben dem Jugendtheater, um die Sache noch bei einem Bier zu vertiefen.

Wir hatten einen Geschmack davon bekommen, was es bedeuten könnte, „weiblich“ zu schreiben: Intuitiv, assoziativ, improvisierend. Prof. Lutz von Werder, der auch der Lehrer von Lisa werden würde, hatte uns und viele andere dazu inspiriert, die lange Tradition des Geniekultes, des schreibenden Künstlers auf einsamem, hohen Sockel zu brechen. Wo waren die Frauen, die Poetinnen, die Künstlerinnen, wieso wurden weitaus weniger ihrer Bücher in der Öffentlichkeit besprochen? War ihre Literatur weniger wert? Die Reihe rororofrau wurde gegründet, sollten, durften wir uns darüber freuen? Wir hatten die „Brigitte“ und „Emma“, und Frauen erforschten in allen Disziplinen, was mit ihren unsichtbaren, unerhörten Schwestern, Müttern, Großmüttern los war.

Barbara Sichtermann, Christa Wolf, Christa Reinig, Anais Nin, Brigitte Schweiger, Rose Ausländer, Luise Rinser, Carola Stern, Anna Achmatova, Maxi Wander, Adrienne Rich, Hilde Domin, Marie-Luise Kaschnitz, Claire Goll, Ruth Klüger … so viele anregende, aufregende Frauen schrieben und veröffentlichten, oder wir fanden sie oder sie uns. Es waren Zeiten, die nach Auf- und Ausbruch schrien, und manche ging in Therapie oder eine Psychodrama-Gruppe, um ihren Platz in diesem komplizierten Leben zu finden und einzunehmen.

Bei mir gab es zwei Initialzündungen:

  1. 1988 besuchte ich einen Schreibworkshop in Stollberg bei Aachen, der von zwei Frauen geleitet wurde. Dabei ging es, im weitesten Sinne, um Kreatives Schreiben. Frau durfte sich Themen auswählen, und ich hatte mir die „Königin von Saba“ ausgesucht. Was für ein Fest! Ich weinte viel, vor lauter Berührtheit, und weil ich nach der Hälfte wusste, dass ich das genau, was diese beiden Frauen machten, auch wollte: Schreibgruppen leiten. Diese Absicht habe ich dann, als ich wieder zu Hause war, zügig umgesetzt. 
  2. Für eine Zeit waren wir zu Dritt, Lisa, eine Dritte, nennen wir sie Luisa, und ich. Wir beschlossen, gemeinsam einen Schreibkurs zu besuchen, und zwar bei einem Hartmut Hansen in der Brotfabrik. Ich erinnere mich wie heute, dass wir hinterher zusammengluckten und uns über den Abend austauschten. Nach dem zweiten oder dritten Abend wusste ich: Ich kann das besser und meldete mich bei Frau Müller, der damaligen Leiterin der Familienbildungsstätte, deren Programm mir gefiel. Ich hatte schon einige Kurse Gestalttherapie bei Gideon Schwarz aus Israel dort besucht und war begeistert. Es dauerte nicht lange, und ich war Kursleiterin/Referentin in der FBS, Bonn, Donnerstagabends. Bis heute, 2019, habe ich kein Jahr ausgelassen.

 

Zurück zu Lisa und mir:

Die Diskussionen auf dem Heimweg, unser Glück mit den eigenen und fremden Texten führten uns zeitweise auf andere Wege: Lisa besuchte eine Märchenschule in Süddeutschland und ließ sich zur Märchenerzählerin ausbilden. WIE spannend fand ich das! Die Leiterin der Schule, Sabine Raile, würde später bei mir an einer der KALLIOPE-Ausbildungen teilnehmen. Während ich von der Arbeit zur Tochter, von der Tochter zur Weiterbildung als Gruppenleiterin hechtete, um mich am Institut für Lebendiges Lernen, WILL Rheinland oder auch „Workshop Institute for Living Learning“ bei Ruth Cohn ausbilden zu lassen. Diese großartige Frau und Therapeutin und ihre Vision machten mich zu einer passionierten Gruppenleiterin.

Als Lisa und ich soweit waren, dass wir die Gründung eines Schreib-Ortes für Frauen für unumgänglich hielten, hatte Lisa sich noch für ein Fernstudium für Journalistisches Schreiben eingeschrieben, an der Universität Hagen, nachdem sie die Ausbildung zur Poesiepädagogin in Berlin ebenfalls absolviert hatte. Lisa war sehr ambitioniert, hatte zu der Zeit weder Partner noch Kind, sondern machte sich an das Schreiben ihres ersten Romans, der in der Hauptsache von ihrer ausgedehnten England-Reise handelte, wo sie sich u.a. mit „Storytelling“ und der Liebe auseinandersetzte. Wenn wir uns trafen, hatten wir nur ein Thema: Literatur und Schreiben.

1999 war es soweit: Ich hatte unser Seminarhaus gefunden, das uns und den Teilnehmerinnen für mehr als ein Jahrzehnt zur Verfügung stehen würde: Das „Kloster der Waldbreitbacher Franziskanerinnen“. Lisa war eine großartige, sensible, offene, ehrliche, generöse Partnerin und Freundin. Was natürlich bedeutet, dass wir unsere Konflikte hatten, die wir jedoch ansprachen und lösten. Wir waren beide wohlwollend und wussten immer genau, was wir an der anderen hatten: Menschlich und fachlich. Lisa ergänzte meine Flexibilität, die an Strukturlosigkeit grenzte, durch geplantes Handeln, gut durchgeformte Vorträge und Handouts. In den Rückmeldungen zu Texten waren wir beide wertschätzend und sensibel im Hören und Formulieren: doch hatte Lisa ein geschulteres Ohr für das Publikum, während es bei mir „therapeutischer“ zuging. Verständnisvoll für die Tiefen und Untiefen sowie Höhen und Träume, erfüllte und meist unerfüllte,  eines Frauenlebens waren wir beide; wir kamen mit wenig Geld aus, und Lisa engagierte sich bei Amnesty International in Alzey und Mainz, wo sie wenig später mit Ehemann und Zwillingen leben würde. In der Zeit mit-begründete ich Café International in der Beueler Kirchengemeinde und engagierte mich in der Flüchtlingsarbeit.

Eine so risikofreundliche, wortsensible und gleichzeitig politische Freundin habe ich in Deutschland nicht mehr gefunden. Ich bin sehr traurig zu sagen, dass Lisa krank und sehr krank wurde und nach unseren ersten erfolgreichen Jahren KALLIOPE an Krebs starb.

Lisa Becker-Saaler wird mir immer fehlen. Ihre gewaltige Schreibstimme fehlt der Welt. Sie hätte so gerne veröffentlicht.

 

Ich werde Teil III bald schreiben.

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