Ja, ein unbedingtes ‚Ja’ zur Trauer, man könnte sagen, dass ich ein Fan davon bin, traurige Gefühle und damit Schmerz zuzulassen. Wir sollten ihm Raum in unserem Leben geben, wie möglichst allen Gefühlen, die in ihrer Gesamtheit unsere Lebendigkeit nähren und ausdrücken. Außerdem verbinden wir uns mit anderen Wesen über unsere Gefühle und Emotionen; wir zeigen uns, wie es uns wirklich geht und erlauben anderen, uns nahe zu kommen.

Deshalb schätze ich es, zu Beginn in meinen Gruppen zu fragen, was gab und gibt es an Freudigem und Traurigem in meinem Leben, in der letzten Woche, bei wöchentlich regelmäßigen Kursen. In all den Jahren habe ich die Feststellung gemacht, dass jedoch nicht nur Trauriges zur Seite geschoben wird, sondern auch Erfreuliches, Beglückendes. Manchmal traue ich mich nicht, etwas Erheiterndes zu sagen, wenn vorher gerade tiefer Schmerz ausgedrückt wurde. Oder umgekehrt: Die Gruppe scheint in bester Stimmung, nur bei mir liegt nun einmal ganz obenauf eine mich erschütternde Erfahrung, die mich beim Erzählen vielleicht sogar weinen lässt. Es braucht viel Übung und Mut, um sich selber ernst zu nehmen und wirklich einzubringen, das mich entweder schon länger oder gerade eben am meisten beschäftigt. Das kann ja auch etwas sein, dass jemand gerade geäußert hat.

Meine Lehrerin für Gruppendynamik- und pädagogik, die Lyrikerin, Psycholoanalytikerin und Gründerin der Methode der „Themenzentrierten Interaktion (TZI)“, Dr. Ruth Cohn,  sowie eine buddhistische Nonne, die ich persönlich leider vor ihrem Tod nicht mehr kennenlernen konnte, die ehrwürdige Ayya Khema, sprachen jeweils beide von einem“ bunten Blumenstrauß an Gefühlen“ in uns. Wenn wir nur eine Farbe von diesem Strauß ablehnen und herausnehmen, dann ändert der Strauß seine Anmutung; nehme ich zwei oder drei heraus, dämpft sich seine Lebendigkeit, die Strahlkraft nimmt ab. Es lohnt sich also allein der Lebendigkeit wegen, die eigenen Gefühle zu studieren und ihnen einen angemessenen, gebührenden Platz in unserem persönlichen Strauß zu geben.

Manches Mal schien uns unser gesamtes Leben eingefärbt von nur einer Farbe. Schauen wir uns diese Farbe genau an, werden wir feststellen, sofern wir genügend Mitgefühl erhalten haben, dass es andere Farbbeimischungen gegeben hat, die wir z.T. nicht wahrnahmen, weil unser Blick so eng geworden war, oder die wir uns nicht erlaubten, aus irgendwelchen Gründen, die noch nicht verstanden.

Den lächelnden Buddha können wir uns als die sanfteste und mitfühlendste Mutter- oder Großmutterfigur vorstellen. Dich immer sehend, annehmend und sozusagen ans Herz drückend. Da braucht es keine Worte. Dieses Lächeln kann nur natürlich entstehen und wird auch aus Deinen Augen scheinen, wenn Du es im Herzen trägst -, also auch Dir selber und gegenüber Allem und Allen beibehältst. Es ist nicht arrogant, Leid und Schmerz verdrängend, sondern wissend, ohne das Wissen auszuspielen.

Gleichzeitig ist es eine völlig inklusive, bergende Haltung, mit der Du Dich selber hältst und erträgst, wie Du gleichzeitig alles Unreife, Verdorbene, Entsetzliche in Dein Lächeln einschließt. Weil alles aber einen Schatten hat, stellen wir dem lächelnden Buddha Kanzeon, die Verkörperung des Mitgefühls, an die Seite, die nicht aufhören kann zu weinen, weil sie alle Schreie der Welt und das kleine Kind in sich selber hört.

Seit ich entschieden und diszipliniert Dankbarkeit übe, eine Praxis, die  ich vor allem Bruder David Steindl-Rast sowie einer Reihe von christlichen, jüdischen, persischen Mystikern und Mystikerinnen verdanke, festigte sich organisch mein Band zum lächelnden Buddha. (Bruder David kennt sich als Zen Meister in der Buddhistischen Lehre aus, ist als Benediktiner Mönch jedoch in der Religion seiner Kindheit zu Hause. Daher können Menschen wie ich besonders von ihm lernen, da er keine Berührungsängste in die eine oder andere Richtung hat und einen großen Erfahrungsschatz mit Suchenden hat.) Ich erkenne heute viel tiefer den eigenen Anteil an, den ich am Festhalten an niederdrückenden Stimmungslagen hatte. Die Welt scheint nicht aus sich heraus freundlicher zu sein, sondern sie ist DANN freundlicher, wenn ich ihr aus vollem Herzen zulächeln kann. Das kann soweit gehen, dass ich überall nur Buddhas sehe, Schönheit im Vergehen und Loslassen, das Bedürfnis nach Harmonie im Streit erkenne.

Bruder David ist kürzlich gerade 100 Jahre geworden. Er spricht stets aus einem dankbaren und verbundenen Herzen heraus. Seine Hoffnung und Zuversicht sind ungebrochen, auch wenn er klug genug ist, Arten sterben zu sehen und einen ächzenden Planeten mit durchgeknallten, verängstigten Menschenwesen. Hält Gott in uns das alles wohlmöglich in unendlich liebenden Händen?

Ja, freut sich mein Kind und klatscht in seine Hände. WAS für ein Mysterium!