Kapitel 6 Die „Hohe Tugend“ der Meditation (S. 141-170) aus dem Buch “ The World Could Be Otherwise”
Aus verschiedenen Gründen (Krankheit, technische Schwierigkeiten mit youtube) komme ich erst nach einigen Monaten dazu, die spontan gehaltenen, etwa 20-30 minütigen Vorträge der Unterkapitel zusammen zu fassen und damit nicht lediglich eine Inhaltsangabe, sondern eine subjektive Zusammenfassung entlang meiner Resonanz niederzuschreiben.
So hat mein wachsender Widerwille gegen den Begriff « Vollkommenheit » dazu geführt, dass ich ab jetzt « hohe Tugend » verwende. Wie fast jede Übersetzung fehlen mit dieser bestimmte Nuancen des Ursprungsbegriffes, so hier der Hinweis71- “am anderen Ufer des Stroms“ (der Erkenntnis der transzendenten Realität) angekommen zu sein.
Von den sechs „Hohen Tugenden” rechnet Norman Fischer, der Verfasser des Buches, die ersten vier zu den uns leicht zugänglichen Tugenden, während Meditation und Verständnis (Verstehen) ggf. als esoterisch oder mystisch aufzufassen sind. Und während wir Westler annehmen, dass der Osten für uns das Geschenk der ״Meditation״ bereit hielte, sind damit in Wahrheit die beiden letzten hohen Tugenden gemeint: Meditation und Verstehen. Fischer weist darauf hin, was Meditieren im etymologischen Sinn bedeutet, nämlich eine bestimmte fokussierte, ruhige Art des Denkens, Nachsinnens, und dass diese zum Beispiel auch das philosophische Denken einbeziehe. Er legt dar, dass Meditation jedoch auch zum religiösen Vokabular gehört, das diverse kontemplative Christen und Übende gebrauchten. Stilles, direktes Denken, das von Gläubigkeit und einem Sinn für Wunder oder Hingabe inspiriert war, zählten genauso dazu, wie auch das Lesen der Heiligen Schrift, Gebete und das Singen heiliger Lieder.
Derartige Meditationsübungen finden sich auch in der Buddhistischer Praxis. Jedoch schließen die Indische Buddhistische und vor-Buddhistische Praxis zusätzlich eine spezifische Übung ein, die unserer Kultur zu fehlen scheint und an die wir Westler jedoch gewöhnlich denken, wenn wir den Begriff ‚Meditation‘ gebrauchen.
„Ich denke an die psychophysische Konzentrations-Übung, bei der die Übende aufrecht und in eine yogischen Position auf einem Meditationskissen oder einem Stuhl sitzt. Dabei konzentriert er sich auf das Atmen, in stillem Gewahrsein. Diese machtvolle und einfache Praxis ist das große Geschenk der indischen Kultur an die Welt. So radikal einfach! Dabei hatte keine Westliche Person, soweit wir wissen, je daran gedacht, so etwas zu tun.“ (S. 142)
Dreibein-Hocker
Im klassischen Buddhismus existieren mehrere Begriffe für Meditation. ‚Bhavana‘, oft mit ‚Meditation‘ übersetzt, bedeutet wörtlich ‚Kultivierung‘, ein Wort aus der Agrokultur, dem wir in Kapitel 4 begegneten. Diese impliziert Disziplin, eine sorgfältige, regelmäßige Bemühung über einen längeren Zeitraum.
‚Samadhi‘ bedeutet „Konzentration, Fokus, Einspitzigkeit, Unablenkbarkeit“. In Deutsche wird es mit ‚Versenkung‘ übersetzt und beschreibt er einen Geiszeszustand als eine Technik oder Übung und darin eher das Resultat als den Prozess disziplinierter Meditation.
‚Dhyana‘ ist das Wort, was für die 5. Hohe Tugend verwendet wird. ES bezieht sich auf die Praxis des zur Ruhe Kommens und der Fokussierung des Geistes.
Klassische Beschreibungen vergleichen den Buddhistischen Pfad mit einem Schemel, dessen drei Beine für die drei Großen Übungen: Ethisches Verhalten, Meditation und Verständnis stehen.
Fischer führt jetzt aus, dass man auf die Idee kommen könnte, zum Beispiel Ethisches Verhalten für das Wesentlichste zu halten. Genügend Argumente gibt es dafür, genauso wie für das richtige Verständnis, das als grundlegend betrachtet werden kann. Kurze Zeit später leuchtet uns mühelos ein, warum sich ohne regelmäßige Meditation weitere Darlegungen erübrigen und man denken könnte, alle drei Begriffe würden dasselbe aussagen. Bei tieferer Betrachtung werden wir jedoch erkennen, dass alle drei Beine immer zusammen gehören. „Da Meditation somatische wie psychologische Kultivierung einschließt, berührt sie uns auf einer tieferen Ebene als gewöhnliches Denken und Fühlen. Sie berührt uns bis tief hinunter zu Atem und Körper – dem Sitz aller Gefühle, Gedanken und Emotionen.“(S. 144)
Samatha – Meditation der Geistesruhe und Konzentrations-Meditation
Im klassischen Buddhismus wird erstere Samata genannt, und die zweite Vipassana. oder auch Einsichts-Meditation. Es gibt drei unterschiedliche Wege und Standpunkte, die eingeschlagen bzw. eingenommen werden.
1. Samata wird zuerst entwickelt, quasi als Basis für Vipassana.
2. Beide werden zeitgleich entwickelt, oder als Tandem.
3. Manchmal fallen beide zusammen in eine Praxis, die zwei Aspekte hat.
In Buddhaghosa‘s klassischem Text aus dem fünften Jahrhundert, genannt ‚Visuddhimagga‘ (Path of Purification), wird Samata als Konzentration verstanden. Auf seine Frage „Was ist Konzentration?“, gäbe es derart viele Antworten, dass es unmöglich sei, sie alle zu diskutieren. Außerdem führe eine solche Frage zu Zerstreuung, also gerade dem Gegenteil von Konzentration. Er beschließt, Konzentration provisorisch als ‚nutzbringende Vereinigung des Geistes“ zu bezeichnen, im Sinn von ohne Ablenkung oder Spaltung, ein Geist also, der an einem Pfosten festgebunden ist. Hierbei verwendet er „nutzbringend“ im Sinne eine spirituellen Gewinns, der in die Richtung Verstehen, Befreiung und Mitgefühl weist. Konzentration ist also Vereinigung des Geistes im Dienst spirituellen Wachstums.
Buddhagosa hat Hunderte von Seiten über die gründliche Erörterung von Konzentration geschrieben, von denen die meisten, soviel ich (Norman Fischer) weiß, nie verwendet wurden. Aber seine Liste enthält Praktiken, die heute angewandt werden, wie Konzentration auf den Körper, auf das Atmen, und Konzentration auf die Vier Unermesslichen Emotionen: Liebende Güte, Mitfühlende Freude (Mitfreude), Mitgefühl und Gleichmut.
Die grundlegende Technik für Konzentration besteht darin, den Geist auf das Meditationsobjekt zu richten und ihn geduldig durch Wiederholungen zu trainieren, bei dem Objekt zu bleiben. Das ist keineswegs leicht, denn der Geist neigt dazu, sich abgelenkt, müde oder gelangweilt zu fühlen. Er ist nicht dran gewöhnt, dabei zu bleiben, wenn es sich nicht gerade um das unverwechselbare Erreichen von etwas Angenehmem oder Befriedigenden handelt. Du kannst Deinen Geist nicht kontrollieren, was dir außerordentliche Demut abverlangt. Dennoch: Wenn du dran bleibst, wirst du mit der Zeit sog. einspitzige (single-pointed) Konzentration erleben, die friedvoll und beruhigend wirkt. Du wirst erstaunt sein, wieviel länger es dauert, als du angenommen hattest. Du brauchst Selbstvertrauen, Fleiß, Entschlossenheit und Unterstützung.
(Ich frage mich gerade, ob es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen einem äußeren Objekt, wie einem Buch oder einer Arbeit, die längere Hingabe erfordern, und dieser Art von Konzentration nach innen. Sicherlich ist das so. Die Gedankenformen und Empfindungen wie Gefühle sind flüchtig wie Rauch und die Inhalte nicht nur angenehm)
Fünf Hindernisse. Atmung und andere Praktiken:
Andere Techniken (S. 147)
Gegenmittel zu Vorkommnissen, die Dich an Konzentration hindern:
– Sich auf Körperempfindungen konzentrieren
⁃ Atem-Übungen: Die Bauch-Atemzüge zählen; sie im Brustkorb wahrnehmen oder an der Nasenspitze
⁃ Ein einzelnes Wort oder einen Teil eines Wortes (Bud-dha z.B.) beim Ein- oder Ausatmen oder bei beidem wiederholen
⁃ Gewahrsein auf die Haltung, insgesamt oder auf Körperteile, lenken; auf die Haltung der Hände
⁃ Der Stille oder dem Klang lauschen
⁃ Die Technik der Ohne-Technik: „Nur sitzen und gegenwärtig bzw. offen gegenüber Allem, was erscheint oder da ist, sein – manche nennen dies unbedingte Achtsamkeit. Es gibt eine Vielzahl von Visualisierungs-Übungen wie überhaupt zahllose Übungen.
„…also ist es am besten, bei einigen grundlegenden Übungen zu bleiben.“ (Fischer)
Vipassana – Einsichts-Meditation (S. 148)
„Traditionelle Beschreibungen von Konzentrations-Stadien of concentration erwähnen acht unterschiedliche Stadien bzw. Stufen:
Unbegrenzter Raum
Unbegrenztes Bewusstsein
Nichts
Weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung
„Die letzten vier sind streng und mystisch.”
Norman stellt fest: Während derartige tiefe Stadien vielleicht faszinierend sind, ist es nicht das, was die meisten Übenden suchen.”
Ich bin nicht sicher, dass das für Deutschland gilt. Akademiker*innen mögen zurückhaltend an Meditations-Angebote herangehen, wie überhaupt große und wachsende Skepsis gegenüber allem Religiösen zu bemerken war und ist. DOch gleichzeitig wächst das Interesse an tieferen, älteren spirituellen Wegen und Weisheiten – vielleicht wird das nicht immer veröffentlicht.
Einsicht in was? (S. 150)
Im klassischen Buddhismus besteht der Inhalt der Einsicht in: Unbeständigkeit, Nicht-Selbst und Unbefriedigtsein (David Loy würde es wohl „Mangel-Projekt“ nennen).
Wir leben auf der Basis von in ihrer Tiefe fehlerhaften Kenntnisse, weshalb wir leiden.
Wenn Dinge zur selben Zeit entstehen und vergehen, was ist dann das „Selbst“? Es kann nach Lage der Dinge gar nicht vorhanden sein. Es gibt einfach nichts, an das man sich halten kann, was wir aber ständig versuchen, daher erleben wir soviel Frustration. Unsere Körper, unsere Seelen wissen das, aber wir bestehen darauf gegen alle Hoffnung zu hoffen.
Auf dem Bodhisattva-Weg erkennen wir, dass alles als ihr Gegenteil erscheint. Was uns in unserer Vorstellung als gegensätzlich erscheint, ist gleich. Vom Bodhisattva-Standpunkt stellt es sich folgendermaßen dar: Wenn alles zur selben Zeit entsteht und vergeht. Existiert es nicht. Wenn nichts existiert, hört es auch nicht auf zu existieren. Deshalb bedeutet Unbeständigkeit Beständigkeit. Wenn wir also nicht die gleichbleibenden Wesen sind, wie wir denken, müssen wir eine Art Wesen sein, sie auf herrliche Weise im großen Flow von Unbeständigkeit kommen und gehen – als wahre Selbste. Nicht länger ausschließlich an unseren erbärmlich verletzbaren Selbsten anhaftend, werden wir zu niemanden und jedem.
Und sobald Bodhisattvas die unbefriedigende Natur unseres Lebens in dieser gebrochenen Welt der Voreingenommenheit erkennen, akzeptieren und integrieren, sehen sie auch, dass der Schmerz und die Schwierigkeiten, die einem entfremdeten Bewusstsein inhärent sind, genau DIE Schmerzen und Schwierigkeiten darstellen, die wir benötigen, um dieses Leben der Trauer und Heilung gemeinsam mit allen zu leben, in einer schmerzvollen und grossartigen Welt. So wird Unbefriedigt-sein zu Freude.
Im Folgenden beschränke ich mich auf die Kernsätze der jeweiligen Abschnitte.
Shantideva über Meditation (S. 152)
Es ist unlogisch, dumm und höchst unvorteilhaft für mich, mich lediglich mit mir selbst zu identifizieren. Ich sollte mich stattdessen mit dem gesamten Körper identifizieren, mich nicht von ihm abschneiden, wie von einem verletzten Arm, der seitlich an einer Strasse liegen bleibt. Ich sollte definitiv mein Interesse an meinem Wohl austauschen gegen die Fürsorge für andere. (S. 154)
Achtsamkeit (S. 155)
„…Achtsamkeit ist mehr als gewahr zu sein. Für Bodhisattvas ist Achtsamkeit die Bemühung, unseres tieferen Lebens gewahr zu sein – unserer Verbindung mit anderen. Sie bedeutet, dass wir uns in jedem Moment für unsere Vorstellungskraft
öffnen.“
Ich finde es auch beim zweiten oder dritten Lesen verwirrend, wirklich einen Unterschied zwischen Zen (Shikantaza) und Achtsamkeitsmeditation zu erkennen. Vielleicht ist es am Ende auch nicht so wichtig. Wichtig ist allein – und das steht in der letzten Zeile dieses Abschnitts – „dass es darauf ankommt, uns zu helfen, über mich hinaus zu sehen.“
Zen Meditation (S.156)
„Zen wird Zen genannt, weil es darauf besteht, dass Meditation mehr ist als formale Meditationspraxis. Jede Übung fällt mit der Meditation zusammen; es gibt nichts anderes als Meditation.“ Die folgenden Erläuterungen erreichen mich nicht in der Tiefe. Dass im Kern der erzählten Begebenheit ein Mönch steht, dessen Meditationspraxis darin besteht, Reiskuchen herzustellen, verwirrt mich auch. Nicht die Tatsache, dass er ein wunderbares Gedicht verfasst hat, das ihn zum Nachfolger des Abtes macht, hat diese Wirkung auf mich. Sondern die Erläuterung des Autors, dass Bodhisattvas anscheinend doch nicht beim Reiskuchenbacken allein meditieren, sondern Zazen gemeinsam üben sollen, was bedeutet, die Praxis miteinander zu teilen. Da Letzteres nun aber der Kern zu sein scheint, bleibe ich ratlos zurück. Möglicherweise wird hier die Bedeutung von Sangha in den Mittelpunkt gerückt, die das Wichtigste ist.
Fischer geht dann noch auf die Koan-Übung ein und den Unterschied, wie im Rinzai-Zen und Soto-Zen mit diesen umgegangen wird. Ich wurde in den vier Jahren meines Rinzai-Studiums in Koans eingeführt, und man ging oftmals mehrmals am Tag während eines Sesshins zum Meister. Bei meinen verschiedenen Soto-Zen-Lehrern/-Lehrerinnen habe ich nichts Vergleichbares kennen gelernt. Mir kam Soto Zen ungleich langweiliger vor, und ich habe länger gebraucht, mich daran zu gewöhnen. Insgesamt hat sich mein Nervensystem, das an sprachliche Gewalt, aber auch an Ausbrüche physischer und emotionaler Gewalt gewöhnt war, beruhigen. Langsamkeit fürchte ich nicht mehr, sondern erkenne sie als Rhythmus meines schlagenden Herzens.
Dogen über Zen Meditation (S. 159)
Ich finde Zen Meister Dogen zunehmend interessant, und habe gelegentliche Erkenntnisse, die als Teil von mir bleiben. Manchmal muss ich auch an meinen Zen Lehrer Bernie Glassman denken, der ja auch ein Buch geschrieben hat: „Cooking Your Life“, und dessen zentrale Metaphern mit den in Auschwitz erfahrenen Hungergeistern, dem mythologischen „Surpreme Meal“, dem gemeinsamen Chanten und Zelebrieren der „Gate of Sweet Nectar“ zu tun hatten. Wenn Bernie davon sprach, das wir alle unsere Zutaten zu diesem Mal beitrügen und dass keine Zutat jemals falsch oder verschwendet sei, dann rührt mich das zu Tränen.
Ich empfand, so würde ich es heute ausdrücken, die durch ihn kreierten Sesshins, ob in Ruanda oder Auschwitz, die Strassen-Retreats und auch das Projekt Greystone Bakery als angewandtes Gelübde, alle Wesen zu retten. Doch dazu später, oder in einem eigenen Essay, mehr. Ich lerne demütig, dass Dogen zahlreiche Nachfolger*innen hat, die ihn intensiv studieren und dessen Mystik tiefgreifend, weltumspannend, brückenbauend ist.
Auch Bernie legte uns zu Beginn der Retreats den Gedanken nahe, dass wir im Wahrheit schon erleuchtet sind (sonst wären wir wahrscheinlich gar nicht angereist), es aber noch nicht „wissen“. Die Erfahrung soll nicht nur eine einmalige sein, sondern sie soll sich im unsere, Körper verankern. Weswegen es richtig und wichtig ist, eine regelmässige Sitzpraxis mit anderen zusammen zu pflegen.
Dogen weist uns darauf hin, dass Buddha und Bodhidharma nach ihrem Erwachen meditiert haben, nicht, um zu erwachen.
„Unsere schon erwachten Körper führen uns zu unserem Meditations-Kissen und geleiten uns durch den freundlichen Durchgang zum Frieden“ (S. 160 unten)
„Für Dogen ist formale Meditation kein instrumentelle Bemühung, sondern eine devotionale Übung“. (S. 161 oben)
Persönlicher Kommentar: Jetzt folgt etwas, das mir sehr kostbar ist: Die Rede von „sacred time.“ Ich habe diese kennen gelernt während langer Schreib-Workshops, in denen wir naturgemäß auch längere, wiederkehrende Einheiten „Stiller Zeit“ hatten. Ich habe immer wieder tief berührt und staunend das zur Kenntnis genommen, was Dogen durch die schreibende Hand von Fischer so ausdrückt – und was die Griechen als Kairos bezeichneten: „Im Raum ‚Heiliger Zeit‘ fallen die drei Zeiten ineinander. Der Moment, in dem wir mit unseren schmerzenden Herzen in Meditation sitzen, ist derselbe Moment, wenn Buddha leidet, erwacht und lehrt. Alles geschieht auf einmal. […] Zeit und Raum sind selber alles beinhaltende Geschehnisse. Wir sitzen wahrhaftig mit dem Buddha: seine und unsere Entbehrungen, sein Erwachen, geschehen mit jedem Atemzug, an der Seite aller Wesen.“ (S. 161 unten).
Das ist eigentlich nicht die Art von Meditations-Unterweisung, nach der wir gesucht hatten, sagt Norman Fischer und führt die knappen Anweisungen Zen Meisters Dogen auf. Interessant jedoch ist besonders dies: „Mach einen Rückwärts-Schritt und dreh das Licht nach innen. Dein Körper-Geist wird von alleine abfallen und Dein ursprüngliches Gesicht wird erscheinen. Wenn du genau dies erreichen willst, übe sofort genau dies.“
Dogens kurze Anweisung fordert uns auf, dem Geist zurück zu diesem Punkt zu folgen, so dass wir die Gewohnheit, nach einem Geistesobjekt zu greifen, anhalten können. Stattdessen treten wir einen Schritt zurück, hinein in den stillen Geist selber, hinein ins Gewahrsein selber, das kein Objekt sein kann. […] Technisch ausgedrückt, ist dies nicht-duale Meditation: jenseits der Dualität von Subjekt und Objekt. Blosse Gegenwärtigkeit (Präsenz), „eben dies“. Man kann nur „sofort“ , außerhalb der Zeit, in ewiger Zeit.“
Dies als Übung zu betrachten, sei unmöglich, sagt Fischer. Ich sage in meinen Worten, wir können es nicht planend tun, aber einladen. Was ja das Wesen von Kontemplation ist. Wir haben ein schönes deutsches Wort für diesen Zustand, dieses nicht-greifende Sehen: Schauen. Manchmal wird auch gesagt: Intuieren. Wieder in meinen Worten: Wir öffnen uns für die Erfahrung, sind rezeptiv – nicht passiv. (S. 162 unten)
Zen Meditation als Imaginationsübung (S. 163)
„Für Bodhisattvas ist die Meditations-Praxis der direkteste Weg, die Vorstellungskraft zu kultivieren, einen großen Raum inmitten ihres Lebens zu öffnen, der immer da ist, aber üblicherweise unbemerkt, in welchem alles möglich ist. […] Für Bodhisattvas, die die hohe Tugend der Meditation üben, werden eine freie und leichte Auffassung von ihrer Praxis haben – ohne auf methodische Herangehensweisen an die Meditation zu verzichten. Es geht ihnen nicht darum, den Geist zu begrenzen und zu schärfen, sondern darum, ihn hinein in imaginierte Weite zu entlassen.“ Die letzten Zeilen habe i habe ich frei übersetzt und in dieser Freiheit die angebotene Weite freudig gespürt.
Im nächsten Absatz auf S. 163 unten beschreibt der Autor die verschiedenen Arten des Denkens. Ein Bodhisattva praktiziere spielerisches Denken, das er „kreativ, mit offenem Ende, all-inklusiv“ nennt und welches den Raum der Vorstellungskraft öffnet.
Dazu gehört alles Denken, das inspiriert, befreit, welches uns eingegeben wird.
Damit werden wir an Dogen‘s berühmtes Wort aus seinem Werk „Fukanzazengi“ herangeführt, das wir schon oft gehört, aber kaum verstanden haben. „Denke das Nicht-Denken“. Es ist ein freies Denken, ich nenne es „ intuitives Denken“, an dem beide Gehirnhälften mitwirken, welches ein Kennzeichen aller oralen Überlieferungs-Methoden ist, man könnte auch sagen, das Wesen der Poesie (wie ich gelernt habe, sie zu verstehen).
Im letzten Absatz werden wir nun zu etwas ermutigt, das ich schon eher erwartet und gewünscht hatte, nämlich tatsächlich alles vertrauensvoll hochkommen zu lassen, und Norman Fischer sagt sogar: „Jeder Gedanke, jede Wahrnehmung, jede Emotion ist kostbar und großartig, egal, um was es sich handelt.
Wir sollten uns nur – das verstehe ich als Warnung -, davor hüten, etwas von dem Kraftvollen festhalten zu wollen, sondern stattdessen „sein Erscheinen feiern und es in Ruhe lassen“. Wenn wir diese Sequenzen konsequent üben, werden uns Segnungen zu teil – das höre ich, das nehme ich mit.
Einige gute Übungen (S. 165 unten)
Die Vervollkommnung der Meditation (S. 166):
„So wie Dogen uns das Denken des Nicht-Denkens lehrt, so praktizieren wir die Meditation, ohne zu meditieren. Auch das. Sie ist eine Lebensweise. „Sie ist lebendig“, sagt Zhaozhou, am Ende eines knappen Dialogs.
Verse über die Vervollkommnung der Meditation von Tokme Zongpo (S. 166):
„Übe gerade soviel Meditation, dass Du imstande bist, mit einigem Verständnis und mit Mitgefühl zu leben.“ (S. 167 unten)
„Um Menschen ‚großer Stärke‘ („great might“) zu sein – heroische Bodhisattvas, imaginierte Retter*innen der Welt – üben wir Meditation hingebungsvoll, im Bewusstsein ihrer Wichtigkeit sowie im Vertrauen darauf, dass diese Übung uns zu der höchsten und unübertrefflichen Erleuchtung führen wird. Unabhängig davon, wie gut oder wie schlecht wir darin sind, wir diese uns dazu befähigen, ein Leben vollkommener Liebe zu führen.
Auf den Seiten 169 und 170 werden konkrete Anregungen zum Üben gegeben. Da gibt es nichts abzukürzen, als Wort für Wort zu übersetzen oder willkürlich etwas herauszupicken. Bitte benachrichtige mich, wenn ich Dir entweder die englischen Seiten kopieren oder sie für Dich übersetzen soll. Das würde ich gerne machen.
(m.winkelmann-schreiben@web.de)
Bonn, 14. Juli 2026