Jedes Schreiben beginnt Deiner Autobiographie

„Ich schreibe seit ein paar Tagen, möchte es sich halten … Ich kann wieder ein Zwiegespräch mit mir führen und starre nicht in so vollständige Leere. Nur auf diesem Wege gibt es für mich eine Besserung“.
FRANZ KAFKA aus dem Buch meines Lehrers Lutz von Werder: „…triffst Du nur das Zauberwort“ – Eine Einführung in die Schreib- und Poesietherapie“

Das mag überraschen: Was? Auch das Tagebuch schreiben, das Briefeschreiben, Gedichte schreiben und die Masterarbeit, den Roman, die Kurzgeschichte? Ja. Das habe ich vor allem durch Selbstbeobachtung gelernt und natürlich durch die achtzehn Jahre Leitung der Frauenschreibschule KALLIOPE. Wenn Du Deine Schreibstimme finden bzw. befreien willst  – und diese ist es, die Dich leiten und Dir eingeben wird, was Du wann und wie schreibst -, dann ist es ratsam, Dich mit einigen Themen zu befassen: Wie wurde in Deinem Elternhaus gelesen, geschrieben und gedacht? Wie kamst Du zum Lesen und Schreiben? Wie hat sich der Fluss Deines Schreibens dann weiter entwickelt?

Das klingt nach einem längeren Prozess, und genau das möchte ich betonen. Du kannst mit KI schreiben bzw. mit seiner scheinbaren Hilfe, und Du wirst eine bestimmte tiefe Befriedigung und Berührung nicht erfahren.  Diese erlebst Du nämlich dann, wenn Deine unverwechselbare Art und Weise, Dich auszudrücken, aufs Papier kommt. Diese Geburten werden von mir so angeleitet, dass Schreibende sich sicher und geborgen fühlen können. Gerade dieser Gesichtspunkt kann nicht genügend geschätzt werden, denn meist fällt es uns leicht, so zu schreiben, wie wir denken, dass es gerne gehört wird. Einen großen Teil des Lebens können wir problemlos in dieser Weise leben, zu einem guten Teil angepasst. Richtig befriedigend ist das allerdings nicht, und das ist uns auch bewusst – mal mehr, mal weniger.

Beim Schreiben sind der Zensor, die innere Richterin besonders machtvoll. Du wirst lernen und üben, meistens spielerisch, Deinen Zensor zu überlisten, ihm zuzuhören und kennen zu lernen, ihn unter Umständen (selten!) herauszuwerfen oder (besser!) sie mit ins Boot zu nehmen. Diese Arbeit, mit der Du aus verschiedenen Gründen immer wieder zu tun haben wirst, wird oft so notwendig, weil die Strenge der Richterin oder des Richters Dich regelrecht am Schreiben hindern kann. Dies nennen wir Schreibhemmung oder Schreibblockade, die selten als solche erkannt wird. Man schiebt andere Gründe vor, warum man nicht mehr schreibt, nicht weiter schreibt, nicht beendet (falls es sich um ein längeres Werk handelt). Das kann sich auch so manifestieren, dass auch das Tagebuch, falls Du ein solches noch führst, liegen bleibt, Du abwertende Äußerungen über Deine Gedichte machst oder sagst, Schreiben sei nichts für Dich.

Ich erkenne in kurzer Zeit, ob jemand eine Schreibende, ein Schreibender ist. Das muss nicht heißen, dass es der Betreffende (schon) weiß. Oft wird es aber gewusst und genauso oft heruntergespielt. Wenn wir da nicht ausbrechen und den Stift ergreifen, der uns gereicht wird, führen wir das herabsetzende Verhalten uns selbst gegenüber genauso fort, wie wir einst behandelt worden waren. Das finde ich ausgesprochen schade, manchmal führt es zu krankhaften Symptomen.

Natürlich spielt es auch eine Rolle, ob Du Dich/Sie sich als Gruppenteilnehmer oder als Begleitung/Coaching suchende Person (oder beides) geschützt und gut geleitet fühlst. Ich hatte das seltene Glück, Spätberufene zu sein und schon eine eine längere Tiefen-Therapie gemacht zu haben, als ich zum Kreativen Schreiben fand und sofort wusste, dass ich das bzw. mich selber unbedingt anbieten wollte: als Poesiepädagogin/-therapeutin.  (Übrigens war es auch ein Glück, schon Geld verdient zu haben, in verschiedensten Kontexten, als Arbeiterin, Angestellte, Putzhilfe, Sprachlehrerin, Geschäftsleitungsassistentin, Fremdsprachenkorrespondentin…. ) Jemand schrieb einmal, als Schriftsteller müsse man schließlich etwas erlebt haben, über das man schreiben kann – damit konnte ich dienen!

Mit dem nächsten Eintrag erzähle ich Euch differenzierter über Schreibblockaden in Deutschland.

„Wer sich schreibend verändert, ist ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin.
~ MARTIN WALSER