Die Ungeborgenheit von Sommer-Hitze

Seit einem Urlaub in Griechenland, auf der Insel Kos, vor nahezu vierzig Jahren, weiß ich von einer Sonne, die als Feind erlebt wird. Der Sand brannte wie Feuer, der Asphalt der kleinen Straße zum nächsten Ort flirrte. Die Abende waren lang, und für meiner kleine Tochter galt es, ihr altersgemäße Erfahrungen zu ermöglichen. Nie wieder würde ich im Hochsommer ans Mittelmeer reisen. Seltsamerweise hatte ich derartige Gedanken noch nicht, als ich drei Jahre lang in Madrid lebte – mit Familie, es waren die letzten Jahre vor dem Abitur. Madrid, in der Mitte von Kastilien gelegen, konnte extrem heiß sein. Man schleppte sich nur so aus der Schule in den Bus, vom Bus nach Hause. Nur, wenn man so jung ist, lebt man unbesorgt mit nicht nur solchen Kleinigkeiten. Ich würde für lange Zeit dem Mittelmeer und allem drumherum gewogen bleiben.

Als Sabine, meine liebe Schwester, die soviel mit mir geteilt hat, Schlimmes und Schönes, mit mir aus dem Flugzeug von Frankfurt nach Madrid ausstieg, wo das neue Haus schon eingerichtet auf uns wartete., standen wir vor einer Wand. Wir waren noch nie geflogen und noch nie in einem südlichen Land gewesen. Als wir den erstem Schritt aus dem Flugzeug zur Treppe machten, traf uns die Ungeborgenheit wie eine Wand aus Hitze. Wir würden uns daran gewöhnen.

Derartige Erfahrungen, die uns den Atem stocken lassen, kann man seit einigen Jahren auch mehrmals in einer Woche, in einem Monat oder mehreren Monaten in Deutschland haben. Neu ist, dass diese Wand einem in der eigenen Wohnung begegnen kann, und wo der Ventilator nicht hinreicht, betritt man das Innnere der Wand. Etwas Ungeborgeneres kann ich mir kaum vorstellen. Wo ist mir die Empfindung „Wand“ früher schon unangenehm, um nicht zu sagen, äußerst unangenehm begegnet? Als Mauer des Schweigens. Schweigen in der Familie zu schmerzenden Geschehnissen. Zum Leiden einer Person aus der Familie, die zu Tode gekommen war. Von der man sich getrennt hatte. Die sich von einem getrennt hatte. Zu unanständigem Verhalten, vor allem, des eigenen. Oder zu einem unerwünschten Verhalten eines der Kinder. Schweigen zu Untaten von Angehörigen des eigenen Landes. Diese waren ja in den Reihen der eigenen Vorfahren und/oder deren Freunden, Kolleginnen zu finden. Das toxische Schweigen wird weitergegeben, in die nächsten Generationen hinein. Ich muss es schon im Mutterleib gespürt haben.

Es gab Themen, die schrien. Sie schrien zum Himmel. Der Himmel antwortete nicht, oder nur manchmal. Es war die Sonne, die wieder aufgehende, die mir das Leben rettete.

Licht und Wärme schenkend auch das Schreiben, das mit dem Briefeschreiben schon längst begonnen hatte. Lesen, schreiben, gute, offene Gespräche und spazieren gehen: Die Elixiere meines Lebens.

Schreiben gegen die Ungeborgenheit. So lernt man, durch Wände zu gehen.