Liebe Freundinnen und Freunde des 22-zerstörte-Synagogen-im Rhein-Sieg/Kreis-Projekts!

Wir sind an unsere Grenzen gekommen. Die letzte Pilgerfahrt nach Bad Honnef hatten wir schon wegen zu starken Regens verschoben, und in den folgenden Wochen wurde mir klar, dass der Fokus so nicht mehr stimmt, vielleicht hat er nie gestimmt. Vielleicht muss man mal in Auschwitz gewesen sein, und zwar nicht nur für eine voll durch-organisierte „Besichtigungs-Tour“ von 4-6 Stunden, sondern für die Zeit, die man brauchte: Um sich vorzubereiten mit gut ausgebildeten Reiseführern, um verweilen zu können, um das Gesehene oder Erfahrene nachklingen zu lassen. Um mit einer vertrauten Person einen Austausch haben zu können. Um zu entscheiden, wieviel verkrafte ich heute? Vielleicht brauche ich eine Kirche, ein geistliches oder freundschaftlich-zugewandtes Gespräch. Einen Spaziergang alleine oder Zeit zum Schreiben, etwas Nachlesen, was man nicht genau verstanden hat.

Diese Besuche mit Schulklassen: Sie sind wichtig, jedoch fürchte ich, dass diese Erfahrung verdrängt werden muss, weil es vielleicht erwartet wird, weil die Eltern es erwarten, weil gar kein Raum für etwas anderes da war. Und so besteht die Gefahr, dass wir unsere immer noch vorhandene Gefühllosigkeit für Versöhnung halten und das schmerzhaft schwierige, aber notwendige Projekt der historischen unsentimentalen Schuldübernahme wieder und wieder übergehen. Dadurch wird eine Großzahl von Gedenkfeiern hohl, weil unvollständig und zensiert, von innen und von außen.

Ich höre mit dem Synagogen-Projekt nicht auf, weil ich es für überflüssig halte. Nein, ganz und gar nicht. Sie hätten einfach mal mitfahren und mitgehen sollen und sich auf eine GESPÜRTE ERFAHRUNG VOR ORT einlassen sollen. Es ist etwas völlig anderes, als Sie wahrscheinlich kennen und gewohnt sind. Sie gehen natürlich ein Risiko ein, dass Sie die spirituell vielleicht grausamsten Geschehnisse, Untaten Ihrer Vorfahren, die zumindest als Zeugen und Zeuginnen, gerade wenn sie noch jung, noch Kinder, also DABEI waren, sozusagen zu sich nehmen, einatmen, müssen. Bitte machen Sie sich nichts vor, 22 Synagogen auf engstem Raum hatten gebrannt. Und nicht nur die Gotteshäuser. Sie hätten vielleicht das Kind in Ihnen selber gespürt und wie etwas zerbrochen war in Ihnen oder taub wurde. Oder Sie hätten die Seele eines Ihrer Verwandten gespürt. Oder Sie hätten alle Verwandten hinter sich gewusst, wie es mir mehrfach in Auschwitz ging: Diese waren so dankbar, dass sich eine (ich) dieser verheerenden Gottlosigkeit annahm.

Sie können das immer noch tun. (Ab und zu werde ich mich weiterhin zu einer der zweiundzwanzig, jetzt noch siebzehn Orte, aufmachen, unter einer anderen Überschrift, ca. ein- bis zweimal im Jahr, und dann länger, mit professioneller Führung vorher. Das Ganze wird dann Workshop-/Seminarcharakter haben, mit einigem logistischen Aufwand.)

Bitte unterschätzen Sie nicht die intergenerationeller Weitergabe von Kriegstraumata. Aber unterschätzen Sie auch bitte nicht, wieviel Heilungspotential in professioneller Gruppenarbeit IM FELD, im Heilsamen Schreiben in Gruppen und in dem Vortragen der Texte vor Zeugen steckt. Ich mache das Jahrzehnte lang mit mir und mit Gruppenteilnehmerinnen und Einzelklienten und bin mit mir und meinen Vorfahren im Reinen (jedenfalls sind wir zu einem Verständigungsprozess gelangt). Von einem niedrigen Selbstwertgefühl und schlechtem Selbstbild, die beide versteckt wirkten und bis heute Sanftheit und Pflege brauchen. Früher litt ich unter Anfällen von depressiven Verstimmungen, psychosomatisch entstandenen Krankheiten, Beziehungsproblemen, relativer Co-Abhängigkeit, einer gewissen Wehrlosigkeit, bin ich doch in jedem Jahrzehnt integrierter geworden. In dem vielleicht vorletzten, achten Jahrzehnt geht es mir psychisch-spirituell besser denn je, und körperlich gut, da ich ohne jede Anstrengung, im vergangenen Jahr 10 kg verlieren konnte. Ich verstehe das so, dass ich “Die Süße, Fülle und Gestilltheit des Lebens” jetzt auf anderen Wegen als durch mehr Essen, als mein Körper braucht, erhalte und vor allem nehmen kann.
Das ist für eine Frau, die ein typisches Nachkriegskind-Schicksal erlitten hat (siehe Sabine Bode, die auf einem der von mir organisierten Kongresse mit Dialog-Workshop und Dichterrinnen- Lesung und Vorträgen in der Akademie in Ippendorf gesprochen hat), außergewöhnlich.

Was ich statt der ca. 6-wöchigen Fahrten zu spärlichen Ruinen von Synagogen und Bethäusern oder Gedenktafeln anbiete , ist dies:

„Radikale Liebe für das Unbetrauerte und Unbedauerte in uns und in der Welt“:
Gedenk-, Trauer- und Schreibkreis als wiederkehrendes, inklusives, transkonfessionelles Ritual auf christlichen Friedhöfen und an Orten der Stille

Nächster Termin:
Samstag, 27.6., 10:00 bis ca. 12:00. Es kann auch länger dauern. Der Council-Kreis gehorcht eigenen Gesetzen, daher rate ich zu Spielräumen, besonders zu Beginn dieses neuen Angebots.
Weil das Wetter eventuell noch einmal anstrengend heiss wird, verlegen wir den Kreis auf den Bildschirm.
Anmeldung: Bitte umgehend, mit email-Adresse, Handy für alle Fälle (Technik). Für die Friedens- und ökologische Arbeit und das ehrenamtliche, buddhistische und interreligiöse Engagement bitte ich um Unterstützung, aber auch um finanzielle Spenden. Bitte schau, was für Dich passt. Von min. 5€-25€. Am liebsten Paypal.

Wir werden versuchen, auch bei gemischtem Wetter diese Treffen auf dem Friedhof stattfinden zu lassen. Wenn es richtig kalt wird, finde ich einen andern Raum.

Alle Menschen sind mit ihren (unerlösten) Themen willkommen, Kinder, Jugendliche, alle Sprachen. Ein wenig Deutsch oder Englisch ist von Vorteil.

Ich erläutere bewährte Council-Spielregeln, die dazu beitragen: Unser Anliegen in die Hände unserer Höherem Macht zu legen und unseren Geist in einer Phase der Stille (das kann auch ein verkürzter Body-Scan sein) freundlich und sanft ins Herz sinken zu lassen. Heilsames Schreiben wird uns begleiten. –
Mitzubringen:
Alte Decke, etwas zum Sitzen (2. Decke?). Schreibheft. (Wenn Du noch nicht mit mir geschrieben hast, wirst Du positiv überrascht sein.)
Einen Gegenstand oder ein Symbol, dasin die Mitte kommt, das Dir für dieses Ritual wichtig ist. Kerze, Anzünder. Wasser(!).

Weitere Termine:
12. September (möglicherweise als Workshop-Tag) in Siegburg
15. August (steht noch nicht ganz fest)
15. November
(Die beiden „Aktionen mit HERZ“ bei Rheinmetall in Bonn-Beuel (15.8.) und in Düsseldorf (15.11.) binden wir wahrscheinlich auch in das obige Format ein)

ETTY HILLESUM: Was sich anständigerweise tun lässt, werde ich tun. (Das denkende Herz)

THICH NHAT HANH: Atme! Du lebst! (Ich pflanze ein Lächeln)

KAZU HAGA: For me, a commitment to non-violence is a commitment to healing ourselves and healing our relationships.

Ich verneige mich.

Ihre/Eure Monika Winkelmann