Liebe Wortkünstlerinnen und Wortkünstler!

Lange hat es gedauert, bis ich mich wieder herauswage, mit dem sich ständig verändernden Titel meines Programms und – bis auf einige Ausnahmen – auch einem sich verändernden Angebot. Ich begann mich, dafür zu schämen, bis ich zu dem Schluss kam, dass das Anteilgeben an einem inneren Prozess der Neufindung und einer Neuverortung typisch für meine Arbeitsweise ist. Sowie malende Künstler in Retrospektiven auch mit ihren ersten Entwürfen zu bewundern sind, so geht es den Schreibenden und Komponistinnen natürlich auch: Besonders spannend ist die Entstehungsgeschichte  eines später berühmt gewordenen Gedichtes – wie viele Streichungen, Verwerfungen, Hinzufügungen, Umstellungen und Neuanfänge kann es gegeben haben, bis das Innere des Dichters, der Dichterin sich in Einklang fühlte mit dem Ergebnis! Manches war dabei auf der Strecke geblieben, ging ein oder ab – wie bei einer zu frühen Geburt. Rilke hat uns beschenkt mit den vier Phasen des Dichtens, analog dem Prozess von Bereitschaft (Inspiration), Empfängnis, Austragen und Gebären. Ich kam im Laufe der fünfunddreißig Jahre meiner Berufungstätigkeit immer wieder auf dieser dem Weiblichen nahe stehenden Metapher und fand sie sehr hilfreich, um damit produktiv und heilsam zu arbeiten.

Besonders mein Lehrer Prof. Lutz von Werder, bei dem das Fernstudium zur Poesiepädagogin absolvierte (wir durften auswählen, ob wir uns so oder „Lehrerin für Kreatives Schreiben“ nennen wollten), lehrte uns ein spontanes, freies, assoziatives Schreiben, bei dem der Weg das Ziel war.
Wen wundert es, dass ich schon vor der Aufnahme dieser mich immer noch begeisternden Profession schon zur Meditation gefunden hatte? Die Mediation bzw. Kontemplation lehrt uns genau dieses, uns dem Augenblick hinzugeben und uns von unserem eigenen Schreiben überraschen zu lassen. Übrigens auch beim Schreiben von Büchern und – als wäre das noch nicht genug! – auch beim Schreiben von wissenschaftlichen Werken, von Doktorarbeiten. Ich habe nicht wenige begleiten dürfen, zum Beispiel das Buch einer Professorin für Wirtschaft, den Beginn von zwei Doktorarbeiten im fortgeschrittenen Alter von zwei Teilnehmerinnen an dem jährlichen Bildungsurlaub, das Weiterschreiben bei Schreibblockaden, sowie das Beenden können, anzustoßen und maßgeblich zu begleiten. Alle drei Phasen werden, je nach Situation,  als herausfordernd erlebt: Das Beginnen, Durchhalten (dabei können mehrere Hindernisse auftreten) und das Beenden. Diese drei Phasen üben wir bei jedem einzelnen Schreibangebot, das ich mache – allerdings meist in sehr kurzer Zeit (oft drei-fünf Minuten), was derartig viel hergibt, dass man nur so staunen kann. Wer mit mir die Anfangsvisualisierung zum Buchprojekt gemacht hat, ist deutlich im Vorteil. (Trost: Man kann diese aber auch mitten im Schreibprozess des Buches machen)

Bei diesen Kreativen Prozessen ist grundlegend und wiederholt unsere Fähigkeit zum Spielen gefragt. Daher rege ich an,  mit der Zeit einen Schreibspielkoffer, manchmal auch Medizinkasten oder Handwerkskiste genannt, parat zu haben. Jedes der Spiele mischt die Karten neu, macht ein bisschen Angst, aber auch Lust, sich auf die unübersichtliche Lage einzulassen. Lutz von Werder, der vor ein paar Wochen, als ich versuchte, ihn anzurufen, noch lebte, ist ein wahrer Meister der Schreibspiele. Mit diesen hat er alle Sozialpädagoginnen und -pädagogen, die an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin studierten, gefüttert. Das Aufbau-Seminar „Zur Didaktik von Schreibprozessen“, das ich vor x Jahren in Soest bei ihm belegte, war auch lustvoll: Wir lernten, arbeiteten in Kleingruppen, zogen unser persönliches Resümee und teilten diese Ergebnisse miteinander. Seitdem, und seit ich die Weiterbildung am Ruth-Cohn-Institut zur „Gruppenleiterin in Themenzentrierter Interaktion (TZI) gemachte habe, arbeite ich im Prinzip genauso – angereichert durch eine Vielzahl weiterer Bausteine, die der Befreiung, Ganzwerdung und Transformation einzelner und von Gruppen dienen.

Nun aber mal Butter bei die Fische.

Mit dem Einleitungstext oben ging es mir nicht um Selbstbeweihräucherung. Ich möchte vielmehr am eigenen Beispiel zeigen, wie viele Entwürfe, Versuche, Fragmente nötig sein können, bevor unser Leben in eine neue, stabile Spur eintritt. Wieviel Trauer unsere Wunden benötigen, und auch wieviel  Reflektion, oft auch professionelle Beratung oder psychotherapeutische Begleitung Raum brauchen, bevor wir uns einheitlich fühlen und voran schreiten und schreiben können.

Auch beim Schreiben als Weg, auf dem Regelmäßigkeit das Zauberwort ist, lernen wir, dass intensive Selbsterfahrung nötig ist, bevor Heilungs- und Transformationsprozesse eintreten. An meinem Bespiel (wie an vielen anderen) erkennen Sie, dass es Bereitschaft und Mut kostet, sich immer wieder mit früheren „Selbsten“, jüngeren, unreiferen Anteilen unserer selbst, den meist unterdrückten Stimmen unserer inneren verwundeten Babys, Kinder und Jugendlichen auseinanderzusetzen.

In meinem Fall können wir an den Versuchen, jeweils noch treffendere Titel für mein Angebot auf die Homepage zu setzen, sehen, welche Ansprüche ich an mich stelle, welches berufliche und persönliche Selbstbild ich hatte und habe und wie ich mir selber im Weg stehen kann, wenn ich nicht loslasse und vertraue. Einfach gesagt, schwer getan.

Wenn wir nämlich wirklich immer mehr loslassen – die innere Kritikerin, den Richter, die bewunderten Vorbilder etc. – dann wird es ernst: Dann steht in Deinem oder Ihrem Text auf einmal das jahrzehntelang Unterdrückte.  Die Sehnsucht, der Herzenswunsch. Das Eigentliche. Übrigens bei Jedem und Jeder anders.

Was auch immer meine Ziele und Zielgruppen waren, unabhängig davon, in welchen Kontext ich Kurse, Seminare, Seminarreihen und Workshops, Ausbildungen und Trainings gestellt habe: Immer ging es um ATMEN, SCHREIBEN, LEBEN.

Ich schreibe hier bewusst viel, weil Du meine Sprech- und Schreibstimme mögen musst, um Dich auf eine enge Beziehung einlassen zu können. Solche engen Beziehungen brauche besonders schreibende Menschen oder solche die ausprobieren wollen, ob das etwas für sie ist. Meistens spielen die Schreibenden das, was sie schon zu Papier gebracht habe, herunter. In krassesten Fällen wurden die Erzeugnisse verbrannt, zerrissen. Das hat Gründe, die später verstehbar werden, und die keinesfalls heißen, dass diese Wesen nie mehr geschrieben hätten. Ich habe unzählige, hoch berührbare wahre Geschichten darüber gehört, warum

  • das Schreiben in einer bestimmten Weise aufgegeben wurde
  • der fast fertige Roman jahrzehntelang im Schrank ganz hinten vergessen wurde
  • warum sich eine eine Geheimschrift oder kaum zu entziffernde Handschrift zugelegt hatte
  • warum eine Vierjährige unbedingt so schnell wir möglich schreiben lernen wollte
  • warum auch meterlange Reihen von Tagebüchern und Kartons mit Briefen nicht als Schreibkunst zählten
  • warum Eine partout nicht schreiben konnte, obwohl sie schrieb: Erst nach der Diskussion „Was geschieht mit meinen Nachlass“ konnte sie sich öffnen und sich als Lyrikerin zeigen

  • Bei wenigen Frauen, öfter bei Männern, habe ich es erlebt, dass sie von links- auf rechtshändig umerzogen worden waren – brutal. Bitte habt Mut, wenn Ihr den Verdacht habt…, ich habe für dieses tiefliegende Problem, diese sehr schmerzhafte Wunde,  Wege entwickelt.

Ebenso bitte ich die Leser, die bis hierher durchgehalten haben, Folgendes zu bedenken: Falls Du tief im Innern schreiben möchtest oder musst (z.B. eine Abschluss-Arbeit) und nicht verstehst, warum Du es nicht tust, KANN das den Grund haben, dass Du erst einmal oder überhaupt über etwas schreiben sollst, das unter REDEVERBOT, GEHEIMHALTUNG steht.

Weil ich Derartiges immer öfter erlebte und auch bei mir selber entdeckte, entschied ich mich tendenziell eher für 5-Tage-Workshops:
„Autobiographische Schreib-Workshops: Ich schreibe, also bin ich“, oft mit Vertiefungskurs nach Absprache. (Aus solchen Langzeitgruppen entstanden Bücher;  das war aber das Ziel!)

„Dialog-, Schreib- und Versöhnungs-Werkstatt für Kriegskinder, Kriegsenkel*innen und Urenkel*innen: Schwere Lasten abwerfen und Frieden schließen.“ (Ich darf darauf hinweisen, dass wir, die wir meist in Deutschland geboren wurden, auch meist dort lebende Deutsche Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern als Vorfahren haben, tief von der Naziherrschaft betroffen sind oder waren und dass es sich lohnen kann, in einer sicheren, vertrauenswürdigen Gruppe, einen beherzten Blick auf das Elend zu werden, schriftlich Zeugnis abzulegen, diese Zeugnisse miteinander zu teilen und ein Ritual, das wir miteinander gestalten, zu begehen. – Mit einer gemischten Gruppe, in der auch unsere deutschen Geschwister mit Migrationshintergrund Platz haben, würde ich gerne zusätzlich und anders arbeiten.

Mit ATMEN beginnt alles und mit dem letzten Ausatmen endet unser Leben.
Der Schreibrhythmus, mehr auf dem Papier als am PC, ist eng verbunden mit unserem Atem. Schreiben verlangsamt den Denkprozess, was der Grund dafür ist, dass Schreiben in uns Ordnung schafft – neben anderen wundervollen Wirkungen. Wer mit mir schreibt, den oder die bitte ich, mit dem Stift und auf Papier zu schreiben. (Das habe ich bis auf drei Ausnahmen aufrecht erhalten, auch mit jüngeren Menschen, und es hatte sich für diese gelohnt).

Stille-Übungen zu machen, zu Beginn und immer wieder, hat sich bestens bewährt, und ich habe es ausgebaut. Meine eigene regelmäßige Übung besteht aus den 5 bekannten Kontemplativen Übungen (Exerzitien): Sitzen und Spazierengehen in Stille,  Lesen und Schreiben, Vortragen und Hören. Eine 6. Variante ist in den vergangenen Jahrzehnten durch die Forschung in Gruppendynamik und Gruppenanalyse dazu gekommen: Ein ritualisiertes, assoziatives Sprechen im Kreis oder zu Zweit.

Tiefe Begegnung mit uns selbst und dem Leben, dem anderen und mit Gott (oder wie wir ihn nennen) finden statt und nähren uns.