Zwischen dem zweiten und diesem Text – Links Warum der Buddha lächelt  I und II siehe unten – liegen einige Wochen, in denen ich nachgedacht und auch gezweifelt habe. Mir war die Vorstellung peinlich, Leser, die mir wichtig sind, würden mir die Überzeugung unterstellen, dass die buddhistische Übung zu einem Schwelgen in Wohlgefühl führe und dass ich diesen Geisteszustand wohlmöglich als Ziel der Praxis ansehen könne. Im Zen wird es oft verpönt, Ziele zu haben. Was ich selber kritisch und als unaufrichtig, sogar elitär ansehe.  Was kritisch daran zu sehen ist, zu ehrgeizig und gewinnorientiert zu sein, ist indessen nicht schwierig. Damit und mit anderen Aspekten habe ich mich weiterhin auseinander gesetzt und selbstkritisch betrachtet.

Der Zen Meister Thich Nhat Hanh* spricht von „Gesichts-Yoga“, und in der Tat ist mir diese Übung sehr nahe. Für Jahre hatte ich mich autodidaktisch mit Mantak Chia** befasst, der dem Gesicht (und allen Organen) hohe Aufmerksamkeit schenkt. Da ich eine chronische Augenkrankheit habe und meine Art des Blickens für eine längere Zeit ins Zentrum meiner täglichen Übungen gestellt hatte, wurde ich gewahr, wieviel Druck ich ins Sehen gelegt hatte, was in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger geworden war. Ein kontemplatives, rezeptives Sehen, das ich durchaus kannte, aber nicht durchhalten konnte, hat eine starke Wirkung auf unser Körpergefühl und damit auf unser Lebensgefühl.

Dazu kommt, dass ich meine Schülerinnen und Schüler, die meist Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer sind, hin und wieder länger mit mir Meditierende, immer lehre (in kürzeren oder längeren Sequenzen), sich während des Bodyscans (einer geführten Meditation durch den Körper nach Jon Kabat-Zinn***)  auf das Kehlkopf-Chakra, die Kehle, die Mundhöhle, die Zähne und die Zunge zu konzentrieren, indem sie beobachten, wie offen oder geschlossen diese oder jene Region ist, und:  wie beweglich die Zunge ist. Wenn die Kehle zugeschnürt ist, der Kiefer gepresst, die Zähne zusammen gebissen und die Lippen schmal und fest sind, kann oder darf das, was gesagt, geschrieben werden will, nicht nach draußen, nicht laut werden. (Dazu gibt es Differenzierteres zu sage, das hier zu weit führt).

Beim Lesen von aufwühlenden Texten oder beim Zuhören der Mitteilungen eines Menschen, besteht die Kunst genau darin, einen guten Teil der Aufmerksamkeit dem Hörprozess und den körperlichen Empfindungen – neben den Assoziationen – zu widmen. Meist habe ich eine starke Mimik, die vielen hilft, sich gesehen, verstanden zu fühlen. Ich möchte aber als Leiterin und Begleiterin auch ein ruhiges Gesicht zeigen können,  damit sie die ersehnte Orientierung nicht von mir erwarten, nicht co-abhängig bleiben oder werden. In dieser und in anderen Hinsichten bietet die Übung des Zazen eine Basis-Disziplin an, die ich als körpertherapeutisch erlebe. Nach ein paar Tagen, an denen ich täglich einige Stunden sitze, bin ich auf eine derart befriedende Weise in meinem Körper angekommen, zu dem mein Gesicht fraglos gehört, dass mir oft wirklich nach Lächeln zumute ist. Manchmal allerdings sind starke, bei mir z.Zt. eher emotionale Schmerzen zu ertragen, die anzuerkennen und hinzunehmen auch zur Befriedung gehört. Der Kampf gegen unseren Körper will nicht gewonnen, sondern aufgegeben werden. Voraussehbar ist nichts. – Diese Prozesse des Wahrnehmens sowie eine Wohlspannung in Körper und Geist zu erspüren und zu halten, sind die Basis für Präsenz (Gegenwärtigkeit), wahrer Lebendigkeit. In solchen Räumen kann Heilung (Integration, tiefes Schmelzen von Verhärtungen und mehr) geschehen.

Da ich dieses Yoga nun schon lange übe und jetzt gerade verstärkt, da ich das Buch „Das Wunder des bewussten Atems“ als wöchentliche Praxis/Anleitung übe und üben lasse, neige ich wirklich dazu, unserem verehrten Lehrer Thay (Ehrenbezeichnung  von Schülern für Thich Nhat Hanh)  Recht zu gebe, wenn er bei den Schritten 5 und 6 dazu einlädt, „ein Gefühl der Freude“ zu empfinden, und wenig später von einem „Gefühl des Glücks“ spricht. (Die 16 Schritte sind unten aufgelistet).

Kann es sein, dass wir uns oft, oder manchmal,  derartige Gefühle und Empfindungen versagen, oder meinen, versagen zu müssen, angesichts des unaussprechlichen Leidens in der Welt? Diese Hypothese hatte ich schon in dem II Text „Warum Buddha lächelt“ aufgestellt. Sie hat sich verfestigt.

Da ich mich als sicher gegründet auch im Leiden weiß, meinem eigenen und dem der anderen, wozu ich unsere Mutter, die Erde zähle, und bereit, Mitgefühl praktisch anzuwenden, wohin ich gerufen werde, schlage ich folgende Sichtweise vor:

Warum sollten wir nicht üben, aus solchem Wohlsein unsere Aktionen fließen zu lassen? Aus spontanem Erbarmen, Traurigkeit, Mitempfinden, ja, aus purer und reinster Gastfreundschaft! Mein Lächeln, und sicherlich auch Deines, machen Mut, dass sich das Leben lohnt, wie es ist, und wenn es nur für den einen Tag ist. Dass Erwachsene liebevoll sind und witzig, wenn ich jungen Kindern und Babys zulächele. Dass „Ich ein schöner Mensch bin“, wenn jemand mir, die ich doch nicht gut rieche und auf der Straße lebe, so zulächelt, als würde diese Person gerade eine herrliche Blume erblicken.

Du glaubst, als Antriebskraft für gute Ideen und gewaltfreie Aktionen Empörung, Verzweiflung, Wut zu brauchen? Das kann sein, darf sich jedoch verwandeln. Ich würde keine dieser starken Empfindungen und Emotionen unterdrücken wollen oder klein reden, so lange wir sie nicht zu verletzend ausagieren müssen. Meine Maxime ist: Was kann ich tun oder muss ich lassen, damit ich angehört werde? Damit sich jemand – auch theoretisch, als Gedankenexperiment, mir anschließen würde? Damit sich z.B. auch ein Polizist öffnen könnte? Da ich zu diesem wichtigen Punkt Jahre lang über – wenn man so will: Feindesliebe praktiziere – habe ich einige höchst beglückende Erfahrungen gerade mit Polizisten oder mir skeptisch bis misstrauisch begegnenden Personen machen dürfen.

„Wilde Verletzbarkeit“ **** ist das Zauberwort, liebe Freundinnen und Freunde.

Mir sind insgesamt folgende lebendige Qualitäten wichtig, die ich versuchte, in einer Überschrift, einer Benennung des Raumes, der Homepage, die ich anbiete, hörbar zu machen. Es hat nicht funktioniert, überzeugte mich nicht, zu sehr bin ich im Umbruch.

Zen-Inspiration: als Hintergrund
AHIMSA: Gewaltlosigkeit
Interbeing/Intersein: Wechselseitige Allverbundenheit
Anerkennung wechselseitiger Bezogenheit, von „Leben ist Beziehung“.
Ethische Achtsamkeit
Resonanz und Begegnung
Ökosattva-Gelübde, Zenpeacemaker-Gelübde
Tiefer Respekt vor schamanischen, indigenen Lehren, Wegen, Übungen
Gleichwertigkeit und Kreis-Arbeit (u.a. Council)
Respekt vor den Gezeiten der Natur und allen ihren Geschöpfen
Angewandte Solidarität

Die daraus resultierende Verwirrung bedauere ich sehr und kann nur um Nachsicht bitten.

ENDE DES TEXTES und der Serie I-III

ZITATE:

Robert Thurman, Je-Tsong-Khapa-Professor  für Indo-Tibetische Buddhistische Studien an der Columbia University. Unser verehrter Dharma-Lehrer und Gelehrter ist mit 84 Jahren am 16. Juni 2026 verstorben. Alle die ihn direkt oder indirekt, wie ich, kannten, verbeugen sich tief.

„Ich liebe den Buddha, ich tue das wirklich. Aber ich fördere nicht die Religion des ‚Buddhismus‘ für irgendjemand. Ich liebe mit der gleichen Intensität Buddha; [Vajrayogini]; [Seine Heiligkeit die Shekinah]; die Große Mutter; den gesegneten Moses; [die heilige Maria]; den süßen Jesus; [den heiligen Mohammed]; den weisen Laozi; [Konfuzius]; [Krishna]; [und] unzählige schamanische Meister der indigenen Völker.“

In seinen Lehren betonte Thurman oft, dass die Essenz spiritueller Traditionen nicht in dogmatischem Glauben liegt, sondern in der Entwicklung von Warmherzigkeit, Ehrlichkeit und innerem Frieden.

Ich schließe mich Thurmans Worten freudig an, würde jedoch noch respektvoll Solidarität und Gastfreundschaft hinzufügen.

 

Thich Nhat Hanh: Die sechzehn Übungen des bewussten Atmens (aus: Das Wunder des bewussten Atmens)
    1. Bei langem Einatmen weiß ich: “Ich atme lang ein.” Bei langem Ausatmen weiß ich: “Ich atme lang aus.”
    2. Bei kurzem Einatmen weiß ich: “Ich atme kurz ein.” Bei kurzem Ausatmen weiß ich: “Ich atme kurz aus.”
    3. Ich atme ein und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen ganzen Körper bewusst wahr.
    4. Ich atme ein und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse meinen Körper ruhig und friedvoll werden.
    5. Ich atme ein und empfinde ein Gefühl der Freude. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl der Freude.
    6. Ich atme ein und empfinde ein Gefühl des Glücks. Ich atme aus und empfinde ein Gefühl des Glücks.
    7. Ich atme ein und nehme die Aktivitäten des Geistes in mir bewusst wahr. Ich atme aus und nehme Aktivitäten des Geistes in mir bewusst wahr.
    8. Ich atme ein und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden. Ich atme aus und lasse die Aktivitäten meines Geistes ruhig und friedvoll werden.
    9. Ich atme ein und nehme meinen Geist bewusst wahr. Ich atme aus und nehme meinen Geist bewusst wahr.
    10.  Ich atme ein und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden. Ich atme aus und lasse meinen Geist glücklich und leicht werden.
    11. Ich atme ein und sammle meinen Geist. Ich atme aus und sammle meinen Geist.
    12. Ich atme ein und befreie meinen Geist. Ich atme aus und befreie meinen Geist.
    13. Ich atme ein und beobachte die unbeständige Natur aller Phänomene. Ich atme aus und beobachte die unbeständige Natur aller Phänomene.
    14. Ich atme ein und beobachte das Erlöschen der Begierde. Ich atme aus und beobachte das Erlöschen der Begierde.
    15. Ich atme ein und betrachte die vollkommene Befreiung. Ich atme aus und betrachte die vollkommene Befreiung.
    16. Ich atme ein und betrachte das Loslassen. Ich atme aus und betrachte das Loslassen.

BÜCHER:

*Thich Nhat Hanh: (1) Ich pflanze ein Lächeln. (2) Das Wunder des bewussten Atmens.
**Mantak Chia: Tao-Yoga: Praxisbuch zur Erweckung der heilenden Urkraft Chi
***Jon Kabat-Zinn: (1) Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung.
(2) Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit (Hörbuch).
****Kazu Haga: Fierce Vulnerability – Healing from Trauma, Emerging through Collapse.
*****David R. Loy: Loving the World as our Body – The Nondual Path in a Dangerous Time.

LINKS:
Warum der Buddha lächelt I
Warum der Buddha lächelt II