Wir denken bei Verliebt-sein im Allgemeinen an die Vorstufe zu einer Liebesbeziehung zu einem Menschen. Verliebtsein auf kleiner Flamme haben wir möglicherweise als Lebensfreude-schenkend erlebt, während Verliebtsein auf großer Flamme auch fürchterliche Qualen bereit hält. Diese kennt jede und jeder, auch und gerade diejenigen, die über die Phase des vielleicht nie offen eingestandenen Verliebtseins nie hinaus gekommen sind. Oder diesen Zustand in einer meist heimlichen Nebenbeziehung erleben mussten.

Selten wird einem das Geschenk zu teil, dass Verliebtheits- und Liebesgefühle sich wechselseitig anfeuern, unabhängig davon, ob diese Beziehung sich erfüllt oder nicht. Diese nicht zu starken Wellen kommen dem, was ich weiter unten zu beschreiben versuche, recht nahe.

Die buddhistische Meditation, die ich seit vier Jahrzehnten zunehmend intensiv, also schon lange täglich betreibe, hat mir zu diesem unschätzbaren Schatz, einer sprudelnden Kraftquelle, verholfen. Auch und gerade in den Jahren der Niedergeschlagenheit, als ein schwerer Verlust auf den nächsten folgte, bis sich alle Verlusterfahrungen meines Lebens aufzutürmen schienen, stand mir diese Übung schon zur Verfügung, als ich also keine Anfängerin mehr war. Denn wie jede Lebenskunst dauert es seine Zeit und braucht viel Übung, ähnlich wie beim Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstruments, bis sich nennenswerte Flow-Erfahrungen einstellen, die an Dauer gewinnen und auch an schlechten Tagen tragen.
Solche Flow-Erfahrungen nähren uns auf wunderbare Art, und, einmal erfahren, wünschen wir uns, sie wieder und wieder erleben zu können.

Das Verliebtsein ins Leben fühlt sich annähernd an wie Flow, ist dabei aber stabil und nicht abhängig von anderen Menschen oder – wie man im Buddhismus sagt – von äußeren Umständen. Die äußeren Umstände, die wir uns meist als förderlich und angenehm für uns wünschen, sind jedoch gerade dann, wenn der Wunsch sich erfüllt, in Wahrheit eher hinderlich.

Was ich damit meine?
Die guten Umstände, die wir z.B. im Urlaub herbei sehnen und oft genießen können, sind ja nicht immer so, wie gewünscht und erwartet. Oder sie stellen sich als Fata Morgana heraus, oder das Wetter stimmt nicht, die Beziehung ist aufreibend, zu Hause ist etwas in Unordnung, oder wir werden im Urlaub krank. Werden wir dann nur die „perfekten“ Tage genießen können? Oder auch – wie ich gerade erinnere –  die schockierend laute Säge am Pfingstsonntag auf unserer nachgeholten Hochzeitsreise in Pisciotta in Italien?

Wir hätten alles gerne deckungsgleich, unsere Erwartungen, Wünsche und die Realität.
Was also ist zu tun? Meine Empfehlung ist das tägliche Sitzen in Stille, nach vorgegebenem Muster oder einem, das Du Dir gibst. Regelmäßigkeit ist auf jeden Fall wichtig, und eine Form, auf die wir uns einlassen, die wir einüben und die sich bewährt hat. Der Trick besteht darin, so zu tun, als interessiere uns die Ernte, der Gewinn dieses „Selbstopfers“ oder Zeit-Opfers nicht.

Wir sind es nicht gewöhnt, nach innen zu „schauen“ und mehr oder minder dabei zu bleiben.  Warum ist morgens eine gute Zeit, vor dem Frühstück oder dem „richtigen“ Aufstehen, vor der Kerze/dem Altar/dem Blumenstrauß zu sitzen? Wir wollen vermeiden, unseren Geist schon auf Autopilot zu stellen, unseren Körper die üblichen Handlungen machen zu lassen, mehr oder minder unter Druck, weil der nächste Schritt bald folgt (zur Arbeit gehen, sich an den Schreibtisch setze, mit Zeitung zu frühstücken oder einen Teil der Hausarbeit schon zu erledigen). Die gewohnten Abläufe haben uns möglicherweise erkennen lassen, dass wir zu unserem unbefriedigenden Zustand (Leiden) in unheilsamer Weise beigetragen haben.

Oft kommen wir zur Meditation, weil wir leiden und gehört oder gelesen haben, dass die Sitzmeditation, wie Buddhisten sie praktizieren, abwechselnd mit bewusstem Gehen, Rezitieren oder zumindest einem Glockenschlag an der Klangschale, gute Wirkungen auf unseren körperlich-geistigen Zustand hätte.

In den Anblick und die Erfahrung von Schönheit, Harmonie und Stille können wir uns nach anfänglichem Befremden tatsächlich verlieben. Alle bewegen sich anders und doch ähnlich, im Gleichklang, und Wohlgeruch erfüllt den Raum. Wenn wir am Bildschirm sitzen, sorgen wir selber für Kerzen, Räucherstäbchen und Frische. Was wird hier eigentlich geübt?

Wir üben, unseren Atem bewusst wahrzunehmen und zu genießen. Oder auszukosten, was beinahe dasselbe ist. Wir genießen den Anblick oder die Wahrnehmung dessen, das sich uns darbietet. Das Fließen der Säfte und Kräfte in unserem Körper, der meist längere Phasen von Wohlbefinden erfährt. (Rückfälle sind mit ein zu kalkulieren). Übrigens auch in einem alternden Körper, einem hin und wieder an Schmerz leidendem Körper, und mit einem flexibler gewordenen Geist, der erwartungsfroh neugierig oder sogar  erwartungsfrei dem „letzten großen Abenteuer“ (JaneGoodall) Schritt für Schritt entgegen geht.

Das Seltsame ist, dass wir gehen lernen wie auf den schwankenden Planken eines Bootsstegs in einen See, am Fluss oder ins Meer. Denn vor uns liegt im wahrsten Sinne nur das Nicht-Wissen, das Unbekannte, und warum sollten wir uns fürchten, wenn wir es doch gar nicht kennen? Welche vor kurzer, langer oder sehr langer Zeit gepflanzten Samen werden wann und wie aufgehen? Wir können es nicht sagen.

Ehrlich gesagt, ist das Aufgewacht sein schon ein Wunder. Der Tag ist wieder herauf gezogen. Seit Tagen tut mir nichts weh, wenn ich aufwache, welch ein Geschenk! Ich genieße die Luft, die durch das offene Fenster strömt. Mit Wasser hantieren, kaltem im Gesicht, warmem im Glas für die ersten Schlucke und die Medizin. Ein dicker Kapuzenpulli – es muss kein schwarzer sein! – bevor ich das Fenster schließe. Die Kerze wird angezündet, das Räucherstäbchen nimmt das Licht von ihr und glimmt zart weiter. Das Handy kommt gleich in den Halter, der in Richtung Altar zeigt. Ich nehme Platz auf meinem angenehm eingesessenen schwarzen Kissen, auf dem ich sowohl knien wie mit gekreuzten Beinen sitzen kann.

Ich würde mich nicht wundern, wenn ich die ganze Zeit lächele. Und wenn es nach außen nicht sichtbar wäre, ich weiß einfach, dass alles in mir lächelt. Wie einem zerstrubbelten Wesen auf dem Weg lächele ich sekundenlangem Unwohlsein zu, einer Selbstbeschimpfung, einer Portion Angst vor einigen Aufgaben des Tages, einer Handvoll Ungeduld, erst mit mir, dann mit einem lieben Menschen. Buddha weiß, dass die Wesen Akzeptanz und Geduld brauchen. Und da wir keine Veränderung mögen, alles aber in ständigem Wandel ist und wir uns damit in Unsicherheit befinden, sollten wir ganz überwiegend zärtlich mit uns und allen Wesen umgehen. Die Lektionen, die die Buddhas der Welt, unsere Lehrerinnen und Lehrer, uns zum Üben und zum Verstehen geben, werden bereitwillig wiederholt und in kleinen Häppchen gereicht. Wir konnten inzwischen einsehen, dass wir uns das Leben und die Welt nicht stricken können, wie wir es gerne hätten, und werden uns genau dies doch wieder wünschen. Bevor wir uns zur zweiten Runde oder an einem neuen Morgen sanft niederlassen: auf dem Kissen, dem Bänkchen, dem Stuhl und unseren Rücken ausrichten.

Mit starkem Rücken und weichem Bauch sitzen, atmen und gehen wir, offen zu empfangen und uns zu geben: Lächelnd.