„No mud, no Lotus“ („Ohne Schlamm kein Lotus“)
– Thich Nhat Hanh –
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mit-Menschen, liebe Interessierte!
Unkel war der erste ehemalige Synagogen-Standort, den wir im Rahmen unseres Projekts 22 zerstörte Synagogen im Rhein-Sieg-Kreis besucht haben. Neben Monika Winkelmann und Ingo Thies war auch Pfarrer i.R. Ulrich Thomas dabei. In Unkel sind die nachfolgenden Texte entstanden.
Texte von Ingo Thies
6.9.2025 Vor der Gedenktafel für die Unkeler Synagoge
Eine kleine Melodie in mir…
…die möchte vom Leben singen. Von der Heiligkeit allen Lebens. Doch wird sie oft übertönt von den lauten Dissonanzen der Gewalt. Ja, auch der Gewalt in mir. Wie oft wünsche ich jemandem, er möge dorthin gehen, wo keine Sonne scheint.
Aber sie scheint doch…
Friedhof Unkel
Die Sonne scheint. Insekten summen. Wir sitzen auf dem Friedhof in Unkel in direkter Nachbarschaft zum jüdischen Friedhof. Ich schreibe diese Zeilen im Gedenken an die vergessenen Seelen jüdischer Menschen, die hier bestattet wurden, oder deren Gebeine unauffindbar bleiben. Grabsteine, die wie Schutt entsorgt waren und wiedergefunden und aufgestellt wurden.
Auch wenn es wenige waren, die hier lebten, möge ihr Gedenken gewahrt bleiben.
Texte von Pfarrer Ulrich Thomas
Texte von Monika Winkelmann
Beileid
Compassion, Mitgefühl
immer, überall, ach!
Unsere Sorgen, Ängste benannt.
Inklusion.
Inklusion
des Erbärmlichen
in uns, Politik
der Armut, Asyl den
Ausgestoßenen
BEUEL: 2. Ortstermin
INGO THIES
11.10.2025 Beuel, Synagogen-Gedenkstätte
Ein grauer, wolkenverhangener Tag in Beuel, bei der Gedenkstätte für die ehemalige
Synagoge. Tauben gurren, Autos fahren vorbei. Hier ruht die Geschichte des Grauens. Ein
Gotteshaus wurde hier 1938 geschändet und zerstört. Die Menschen, die einfach nur ihren
Glauben leben wollten, oder auch nur dazu gehörten, wurden nach Osten verschleppt und
ermordet. In den Konzentrationslagern wurde ihnen ihr Glaube verboten, selbst die
Ungeborenen waren bereits dem Tode geweiht.
Herr, vergib!
Martin Luther bereitete bereits vor Jahrhunderten den Boden für die Zerstörung der
Synagogen und jüdischen Geschäften und für den Massenmord. Er, der als großer
Reformator gefeiert wird, war solch ein Brandstifter.
Herr, vergib!
Heute werden wieder Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt und entmenschlicht. In
Gaza, im Sudan, in der DR Kongo, in der Türkei, Myanmar und so vielen anderen Orten
der Welt.
Herr, vergib!
Wenn ich an die Kinder denke, geboren oder noch nicht geboren, dann muss ich weinen.
Warum müssen die Kinder den höchsten Preis zahlen für unsere Gier, unsere Arroganz?
der Welt.
Herr, vergib!
Amen.
Nach St. Josef, Synagoge, Versöhnungskirche: Was in meinem Leben möchte ich
versöhnen (innen+außen)?
Trauma in der frühen Kindheit, dem Bewusstsein entzogen, aber doch da und vor sich hin
eiternd. Was ist los mit mir? Hat meine Mutter mich mit Liebesentzug bestraft? Der
Lektionen erteilende Gott erscheint mir bis heute vor meinem geistigen Auge als streng
dreinblickendes, zur Seite geneigtes Frauengesicht – so wie eine schimpfende Mutter
ihrem kleinen Kind.
Was ist los mit mir? Was gärt da in mir? Ein altes Trauma, das nach Heilung schreit.
Versöhnung – ist sie nach so langer Zeit möglich? Meine Eltern sind schon verstorben, die
Wunde bleibt. Wie kann sie heilen? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe tief im Innern, dass
ich mich mit meinen Eltern versöhnen kann – und mit dem kleinen Jungen in mir.
I have a dream: Keine Wutausbrüche mehr, sondern Mitgefühl. Keine Süchte mehr,
sondern Geduld und Verständnis, auch mir selbst gegenüber. Und wenn dann doch mal
eine Enttäuschung kommt, dass sie nicht mehr den Vulkan in mir ausbrechen lässt.
Herr, gib mir den Geist der Versöhnung. Ich will nicht mehr hassen.
Ich muss nicht alle Menschen lieben, aber ich möchte sie respektieren können, auch wenn
sie Scheiße bauen. Nicht gleich mit Bombenphantasien reagieren. Nicht mehr Todesflüche
aussprechen, sondern für sie beten, dass sie deine Wahrheit, Ewiger, erkennen mögen.
Das Kind in mir sehnt sich nach Umarmung, nicht nach Streit.
Ich will keinen süßen Schnuller mehr, ich will wirklich geliebt werden. Ich sehne mich nach
Umarmung.
Sorgen
quälen mich,
erdrücken meine Seele.
Was wird morgen sein?
Krieg?
Krieg
zerreißt die
Welt. Menschen sterben,
Kinder verhungern, Mütter weinen
bitterlich.
Bitterlich
möchte ich
weinen und beten
für Frieden in der
Welt.
12.10.2025
„Time to say Goodbye“ – dieses Lied begleitete unser Abschlusscouncil am gestrigen
Synagogen-Projekttag. Ein melancholisches Lied, das uns daran erinnert, dass nichts in
dieser Welt ewig ist. Das Leben an sich ist endlich, auch wenn wir das, vor allem in jungen
Jahren, gerne verdrängen.
Ich würde aber einen Satz ergänzen: „Für jede Tür, die sich schließt, öffnet sich eine
neue.“ Denn auch das lehrt uns das Leben: Es ergeben sich oft unverhoffte Gelegenheiten
für einen Neuanfang. Es kommt eben darauf an, diese zu erkennen.
Alles ist im Fluss, im steten Wandel. Im „Wind of Change“ die Magie des Augenblicks zu
erfassen, das sehe ich als eine der zentralen Herausforderungen an. Dabei kann tägliche
Meditation helfen, alles bewusst wahr zu nehmen, die Dharma-Tode zu erkennen und
freudig zu durchschreiten.
Und alles in der Hoffnung, dass nach dem „Goodbye“ ein neues „Hello!“ kommt.
MONIKA WINKELMANN
22-zerstörte-Synagogen-Pilgertag in Beuel: 11.10.2025
An diesem Tag haben wir uns direkt an der St. Joseph-Kirche getroffen, die unerwartet geschlossen war. In der Herbstsonne an der den Kirchhof umgebenden Mauer konnten wir eine Weile auf einer Bank sitzen und meditieren. Hier würde der Pilgertag beginnen. Alltagsworte würden wir ab jetzt nicht mehr tauschen. Welche Gebete, Texte wir rezitierten, erinnere ich nicht mehr. Wir lösten Neugier und Interesse aus. Eine Frau ließ sich einladen, eine Weile mit uns zu sitzen. Sie bedankte sich: Es hätte ihr gutgetan, Menschen zu sehen, die am Samstag Vormittag außerhalb der Kirche beteten. Unser Anliegen sprach sie an. Nach kurzer Zeit erschien eine andere Dame, deren Auto nah’ an der Bank stand. Auch sie war angerührt und sprach mit uns. Sie kam aus dem Krankenhaus gegenüber und hatte etwas Wichtiges zu erledigen. Auch sie bedankte sich und wünschte uns alles Gute, was wir warm erwiderten.
Bislang hatte ich noch nie den Eindruck, dass Zeuginnen oder Zeugen unser Verhalten befremdlich oder sogar abstoßend fanden. Ich glaube, es ist wichtig, zum Mitmachen einzuladen und den Sinn der Aktion kurz zu erläutern. Vor uns liegt stets ein schönes Tuch mit einer Kerze darauf, die wir zu Beginn anzünden. Das heißt, einer von uns zündet sie an, nachdem die Absicht für diese Pilgerstunden prägnant in Worte gefasst wurde. – Beim Abschluss-Council vor der Schlosskirche wurde der halbe Pilger-Tag von uns, ebenfalls in einem kleinen Ritual, abgeschlossen: Eine Widmung wird ausgesprochen, die variiert werden darf und sich auf „die Welt“ bezieht (was wir ihr wünscheGemeinsam blasen wir die Kerze aus.
Berührt hat mich sehr, dass die drei Gotteshäuser: St. Josef (kath.) wo wir unsere „Reise“ begannen – Mahnmal der Synagoge am Synagogenplatz Ecke Siegfried-Leopoldstraße/Friedrich-Breuer-Straße – Versöhnungskirche (ev.), Neustraße, alle wie auf einer Linie zu liegen schienen, im rechten Winkel zum Rhein.
Da wir uns meist an einem Samstag treffen, konnten wir uns jüdische Menschen in dem Viertel gut vorstellen, denn es ist ja Schabbat. Das Eröffnungskreisgespräch mit Schreiben hielten wir am Mahnmal Ecke Friedrich-Leopold-Straße ab, eine Bank lädt auch dort zum Verweilen ein. Da ich mehrere Jahrzehnte in Beuel gelebt habe und meine Tochter durch Musikschule, Kindergarten und Schulzeit begleitet habe, wächst einem ein solcher Stadtteil besonders ans Herz. An dem Mahnmal hatte ich in der Vergangenheit gestanden, gekniet, gesessen, mehrere Male im November. In St. Josef hatte ich am Gottesdienst für die Kindergartenkinder teilgenommen, und in der Versöhnungskirche wurde meine Tochter getauft. Dort nahm ich auch aktiv am Gemeindeleben teil und gründete, mit Pfarrer Borchert zusammen, das „Café International“. Es war damals das zweite „Café“ in Bonn, neben dem in Endenich, das sich intensiv um Flüchtlinge kümmerte und mit dem wir kooperierten.
Die zahlreichen Stolpersteine in Beuel…, man müsste ihnen zuhören. Je mehr Zeit man sich gibt, in Stille zu verweilen und zuzuhören, desto mehr scheinen diese Orte preiszugeben. Das ist der Grund, warum ich Einkehrtage an „Original-Orten“ (nicht nur in der Vorstellung) so schätze. – Zwischendurch lasen Ingo und ich einander historische Daten oder Zitate vor.
Gerade, als es fast 12:00 Mittags war, läuteten die Glocken der Versöhnungskirche zur Andacht, und wir wurden freundlich gefragt, ob wir nicht eintreten wollten, in die weiße, vertraute Kirche. Wir schauten uns kurz an und – wollten! Die sensible Andacht lag genau an der richtigen Stelle unseres halben Pilgertages! Ein Geschenk. Der Spaziergang zum jüdischen Friedhof wurde nach hinten geschoben; wir brauchten vorher einen Kaffee und begaben uns zu Teil II des Tages. Jedoch mussten wir auf der Deich-Wanderung Richtung Schwarz-Rheindorf feststellen, dass der Weg zum jüdischen Friedhof weiter war als angenommen und die veranschlagten Stunden nicht ausgereicht hätten…Mit dem Vorsatz, den Besuch des Friedhofs, den ich gut kenne und sehr liebe – ich habe fünf Jahre in Schwarz-Rheindorf gelebt – nachzuholen, warteten wir auf einen Bus, der uns ins Zentrum von Beuel brachte. Eine Pizza im Stadtcafé zu essen, war jetzt genau richtig. – Wie nun aber einen Abschluss „feiern“, so dass es sich stimmig anfühlen würde? Samstags waren viele Menschen auf dem Straßen… Mit fiel der Schlossplatz in der Innenstadt ein, den ich noch nie voll und laut erlebt habe. Und tatsächlich, wir traten auf den Platz, und ich rezitierte still: die „Blätter fallen leise, wie von weit, sie fallen mit verneinender Gebärde…“ (Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke). Wir setzen uns inmitten in eines solchen Blätterkreises, auf einer steinernen Bank, geschützt von einem Baumfreund, schließen unsere Augen und meditieren. – Es war einfach, und es war wunderbar.
Schalom Schabbat. Wir verneigten uns.
“ Schweigen ist unmöglich” von Jorge Semprun und Elie Wiesel als Schreibimpuls.
Einige Sätze und Absätze aus einem sehr persönlichen Text:
Wenn man Kinder leiden lässt, tötet man immer das Kind in sich selber. Das Schlimmste ist, dass wir davon nichts spüren. Nicht mehr bedauern können oder nur nach Drogengenuss. Drogen statt Mutterliebe.
Juden zu verfolgen und umzubringen, hat etwas mit uns selber zu tun. Wir verfolgten etwas, das wir nicht besitzen konnten. Es entzog sich unserer Kontrolle, das Bewundern und Wundern hatten wir schon verlernt. Wir waren kalt geworden.
Wer sadistisch gequält wird, wird kalt. Sadismus ist kalt. Ohne seelische Kälte kann man keine Kriege führen. Hier gehe ich jetzt nicht weiter. Ich lebe auch in einer schönen, liebevollen Welt, in der Wörter wie Wiedergutmachung, Trauer, Reue, Schuld, Verzeihen und um Verzeihung bitten noch eine Bedeutung haben.
Ich bitte um Verzeihung, auch für meine Killer-Brüder. Für deutsche Soldaten. Männer, vor allem ganz junge, werden in Kriegen missbraucht. Mitgefühl für alle aufbringen und kultivieren. Anders geht dieses Leben nicht.
Danke. Danke. Danke.
Was in meinem Leben möchte ich miteinander versöhnen? (Innen und/oder außen)
Ich habe mutig geliebt und bin dankbar dafür. Peter Schellenbaum hatte ein Buch auf den Markt gebracht, das den Titel hatte “Die Wunde der Ungeliebten”. Aus dieser Wunde können Heldenkinder hervorgehen, war seine These und Erfahrung. Ich nenne diese eher „Straßenkinder“. Straßenkinder sind Heldenkinder. Heute schließe ich tiefsten Frieden mit meinem Straßenkind. Es hat leben wollen. Unbedingt. Es hat lieben wollen. Unbedingt. Jede und jeder, der ihr das Gefühl gab, geliebt zu werden, den hat sie zurück geliebt. Ich habe ein Wunschkind und freue mich noch heute daran, dass meine Tochter mich zur Mutter gemacht hat. (…) Jede und jeder ist ein Lehrer für mich, und heute kann ich sagen, ich liebe meine Brüder genauso wie meine Schwestern (und manchmal genauso wenig).
Abschluss-Council auf dem Schlosskirchenplatz
Unsere Hoffnung (Drei Wort-Elfchen)
Dass
der Hass
nicht gefüttert werde,
„unwertes Leben“ tief untersucht
werde
Dass
Martin Luthers
böse Schriften betrauert,
verbrannt werden. Öffentlich. Schlimmes
Gift.
Dass
der Weg
zu Gott zu
Liebe, Heil jetzt frei
sei
Reiner Wein
Er fühlt sich gut an. Unser Beitrag zur Judenvernichtung in Deutschland und Europa. Ingo und ich haben beschlossen, mehr oder minder deutlich, dieser Aktion treu zu bleiben, die verbleibenden 20 Synagogen zu betrauern. Es ist und bleibt eine Dreistigkeit, ein Rechtsbruch und ein Sakrileg, Gotteshäuser, welcher Religion auch immer, anzuzünden und gewaltsam in Läden und Wohnhäuser einzudringen, Existenzen materiell und spirituell zu zerstören. (Warum fällt mir Palästina dazu auch ein? Vielleicht weil ich geübt und ehrlich sowie einigermaßen mutig bin oder sein möchte? Werden wir angehalten, nicht hinzuschauen? Oder uns hinein zu fühlen? Hinein zu denken? Schlüsse zu ziehen? Weiter und tiefer zu forschen? Aber warum? Es fühlt sich riskant an. Fast so, wie bei der Erforschung eigener Familiengeheimnisse über die Beteiligung an Nazi- Untaten…Bei beidem konnte oder könnte man ausgeschlossen werden von der nicht ausdrücklich benannten Wertegemeinschaft).
Wir geben Zeugnis darüber, dass unsere Vorväter und -mütter die Verantwortung und damit die Schuld nicht auf sich genommen haben und dass wir Kriegsenkel*innen bereit sind, die Ärmel hoch zu krempeln und zu sagen: Ohne uns! Wir wollen genau Hinschauen! So eine tiefreichende Entscheidung darüber, was „wertes“ und „unwertes“ Leben ist, und welche Handlungen geahndet werden müssen, gehört in die Hände Gottes und irdischer, humanitärer Rechtsprechung, aber deutlich nicht in die Hände irgendwelcher Machthaber, die oft gravierende psychische und professionelle Defizite aufweisen. Mag solch ein Ansinnen auch utopisch wirken und damit „vom Tisch“ sein: Der Beweis der Utopie sagt nichts darüber hinaus, dass die Gegenwart zutiefst verstörend und moralisch mehr als fragwürdig ist. Schulden wir unseren Kindern nicht Besseres, als den meisten deutschen Nachkriegskindern eingeschenkt und aufgetischt worden war?
Reiner Wein würde noch ein paar Jahrzehnte lang Mangelware bleiben. Und jetzt?
Unser GUT: Der Welt Ohr, Hand und Bergung
Hände weg von unserem Gut: Synagogen! Kirchen! Moscheen!
Aufstehen für ruhige Orte pro Asyl!
Hallo! Ihr Suchenden, Verzweifelten, ihr Überschwänglichen!
Kein Grund, bergende Räume zu schließen!
Grund jedoch, Dir, der Welt ein Ohr hinzuhalten:
Womit können wir Euch helfen?
Unsere Vision (von uns beiden spontan entworfen, da es kalt draußen wurde):
Gemeinsam Räume der Ehrlichkeit und der Feier des Geheimnisses des Lebens
halten und erhalten zu können!
Verwendete Literatur/Texte:
Christlich: Gesangbuch, Psalmen, Gebete, christliche Literatur
Buddhistisch: Liturgie-Heft des San Francisco-Zen-Centers, Liturgie-Heft der Zen Peacemaker Community;
Bekannte Texte von Thich Nhat Hanh oder anderen Zen-Meisterinnen und Meistern
Rezitationstexte der Phönix Wolke Sangha, Haus Felsentor
Liturgie-Heft für die beiden Pilgerreisen nach Auschwitz des „everydayzen Tempels der Freundschaft Bonn“ (von den Mit-Reisenden zusammengestellt)
Mystische Texte aus Ost und West, hrsg. von Karim El Souessi
(Mit der Zeit lernt man, welche Texte an welche Stelle passen oder gehören, und zu den Anwesenden. Manche Texte geben wir herum, und jedeR liest einen Abschnitt. Dr. Manfred Deselaers, Gründer des „Zentrums für Dialog und Gebet“ in Oswiecim hat mir freundlicherweise die von ihm entwickelte „Kreuzwegmeditation in Birkenau“ zur Verfügung gestellt. Diese haben wir während unserer diesjährigen zehn-tägigen Pilgerfahrt nach Krakau und Auschwitz-Birkenau in der Kapelle des Zentrums gebetet. Falls eine weitere Reise stattfindet, würde ich den Liturgie-Teil besser vorbereiten wollen. Obwohl wir durchaus jeden Morgen und Abend miteinander in Stille saßen, rezitierten, sangen und uns – morgens kurz, abends länger – miteinander austauschten.)
Manfred Deselaers: „Und Sie hatten nie Gewissensbisse?“ – Die Biografie von Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, und die Frage seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen
Manfred Deselears: „Die Wunde Auschwitz berühren. Ein deutscher Priester erzählt.“
Etty Hillesum: Tagebücher. Cards.
Paul Celan, Nelly Sachs, u.a. Gedichte und Texte
SIEGBURG: 4. Ortstermin
Rezitation Namen verfolgter Jüdinnen und Juden im Siegburger Stadtmuseum (YouTube).
MONIKA WINKELMANN
Pilgerfahrt zur Synagoge Siegburg – 31.1.2026
Ich finde meine Texte nicht.
Also improvisiere ich jetzt, wir fahren ohnehin noch einmal nach Siegburg.
Ingo war nicht in Bonn, also machte ich mich gegen Mittag auf, was mir ganz recht war. Siegburg hat einen besonderen Klang für mich: Meine Tochter Lisa wurde dort geboren, und ich heiratete dort – im Stadtmuseum.
Auch an diesem besonderen Tag führten mich meine Schritte ins Stadtmuseum, was ich besonders liebe. Seine Ästhetik ist so ansprechend und klar, und gleich vorne lädt ein Café (ohne Musik!) zum Verweilen ein.
Mir ist wichtig zu erwähnen – und das gehört eigentlich ebenfalls in meinen Text zu Rheinbach, wie übrigens auch zu Unkel! -, dass ich die Telefonnummern zu ausgewiesenen Fachleuten erhielt, die jeweils Führungen durch die das betreffende Dorf bzw. die kleinen Städte anboten. Die Angebote waren sehr verführerisch, weil die Kontexte so wichtig und interessant sind! Gerade wenn die Erinnerungs-Relikte teilweise mutwillig zerstört worden waren und die gegenwärtige Stimmungen in Bezug auf alles Jüdische vielleicht auch ambivalent waren und sind, so sind wir doch gerade auf die unentwegten, fleißigen Forscherinnen und Forscher, Historiker, Autorinnen/Autoren und bewussten Zeitzeugen angewiesen, die viel Wissen buchstäblich zusammen getragen haben. Und an deren Wirken wir jetzt dankbar anknüpfen. Natürlich müssen diese Stadtführer auch angemessen entlohnt werden, insofern wollen wir versuchen, für die zweite Siegburger Tour eine Gruppe von Interessenten zusammen zu stellen, um unseren Informationsdurst zu stillen und uns die Kosten dafür teilen zu können. – Eine andere Schwierigkeit besteht drin, dass der Ansatz der „Sozial engagierten Buddhisten“ eher in innerer Arbeit besteht, und in zweiter Linie aus Selbsterfahrung, Dialog – und Heilungsarbeit. Jeglicher Zeitdruck oder auch ein Übermaß an geforderter Konzentration und Aufmerksamkeit schadet der Aufnahmefähigkeit der Teilnehmer*innen und der Qualität des meditativ/kontemplativen Angebotes.
FAZIT: Führungen und Selbsterfahrung erfordern ein Mehr an zeitlichem Aufwand, geschickter Planung an einem unbekannten Ort und Kosten.
Meine Aufgabe sehe ich darin, das Nötigste über die Stadt und den Umgang mit ihren jüdischen Mitbürgerinnen zu kommunizieren, darin jedoch eher das Mit- und Einfühlen zu stärken, nicht nur in uns selber, sondern auch und besonders in unsere eigenen Vorfahren: Familienmitglieder und deren Freunde und Kollegen: Geschäftsleute, Ärzte, Richter, Nachbarn, Lehrerinnen, die die Nazis unterstützt haben oder selber wichtige, hohe Posten bekleidet haben. Diesen geahnten oder bewussten Informationen nachzugehen und sie in den Kontext der zerstörten Synagogen zu stellen, sich auf die Beziehungen einlassend – dazu möchte ich beitragen. Ungesagtes kann ausgesprochen, Unsagbares hörbar, Ungeborgenes gefasst und geborgen werden. In geschützten Atmosphären und Räumen, voller Achtsamkeit und Wertschätzung. Schuld benennen wir oder versuchen es, wir helfen uns gegenseitig. Die beherzte, freiwillige Übernahme von Schuld kann so befreiend wirken, nicht nur für die Opfer, sondern auch für uns selber, die Nachfahren der TäterInnen! (Manchmal muss Schuld auch zurückgeben werden, das ist mir sehr bewusst. Jedoch bleibt die Übernahme von Schuld und Verantwortung, bleiben Reue und Sühne, Ausgleich und Wiederherstellende („restorative justice“) Gerechtigkeit zentrale, zwischenmenschliche und zwischengeschöpfliche Themen. (Weshalb mir die Begriffe wie Interbeing/Intersein u.a. so zentral wichtig sind)
Der Empfang an der Rezeption des Museums war aufmerksam, empathisch, herzlich: Besser hätte man sich kein Willkommen vorstellen können! Schon alleine deswegen möchte ich wiederkommen. Ich erfuhr Grundlegendes über den Hauptindustriezweig von Siegburg, nämlich die Keramik. Wo es dieses Handwerk gibt, gibt es auch Tonerde und den Abbau desselben. Das finde ich als Enkelin und Urenkelin eine damals berühmten Ziegelei-Besitzers und Keramik-Ofen-Bauers über die Maßen interessant. Siegburg war dann offenbar gezwungen, auf Kriegszurüstung umzustellen, was beträchtliche Probleme bis in die Verwaltung hinein mit sich brachte. Darüber möchte ich zum Beispiel gerne mehr hören, denn das Ganze hatte auch Auswirkungen auf das Miteinander mit Juden – wie praktisch überall, ich möchte es tiefer verstehen.
Das Erdgeschoss ist für sich genommen, mit den ausgestellten Exponaten aus der Antike, sehr interessant. Im ersten Stock befindet sich der eine von zwei dem Judentum und der Vertreibung und Vernichtung gewidmeten Räumen. In dem einen, mit einer sehr geschickten collagenartigen Darstellung der in Siegburg ansässigen Jüdinnen und Juden und der gesellschaftspolitischen Entwicklung nahm ich auf einer breiten Bank Platz und ließ die sehr dichten Eindrücke auf mich wirken. Fast zwei Stunden lang war ich die Einzige in diesem Raum und beschloss wegen seiner Intimität und Stille, eine Liturgie zu feiern, leise, sanft, indem ich die Namen auf der Liste der vertriebenen und gemordeten Menschen rezitierte, wie ich es von Zeremonien in Birkenau kannte, aber auch von Bosnien. Es war ein wenig, wie ich es schon erfahren hatte: Als wenn man Fleisch auf die Totengerippe sänge, diese Wesen symbolisch an sein Herz drückte und es dem Reich tiefster Geborgenheit überließe.
Vorher mögen sie vielleicht mit offenen starren Augen gelegen haben. Nach unseren Zeremonien konnten sie, wie ich es auch bei Familienaufstellungen gesehen habe, gleichsam ihre Augen schließen und sich zur letzten Ruhe begeben.
Ruhet nun in Frieden, meine lieben Geschwister.
RHEINBACH: Ortstermin 3.4.2026
INGO THIES
Wo haben wir Jesus verraten?
In jedem Geringsten unter uns, den wir schlecht behandeln, verraten wir Jesus. Er ist in
jedem Unbedachten, jedem Bettler, jedem Opfer von Krieg und Gewalt, in jeder Näherin,
die für billige Kleidung schuftet, die bei uns vielleicht nur 1x getragen wird.
Jesus ist in jedem Drogenabhängigen, den die ‘feinen Leute’ nur als Menschenabfall
sehen. Jesus ist in den Palästinensern, die von radikalen Siedlern ermordet oder von der
Armee ausgebombt werden.
Jesus ist in jedem Tier, das in den Schlachthöfen maschinell geschlachtet wird für billiges
Fleisch in unseren Supermärkten. In jedem gestrandeten Wal.
Ich habe Jesus immer dann verraten, wenn ich persönlichen Nutzen oder Bequemlichkeit
über Menschlichkeit stellte, immer dann, wenn ich mich für etwas Besseres als andere
hielt. Wenn ich meinem Hass freien Lauf ließ.
Ich habe Jesus verraten, und dennoch hält er zu mir. Ich schäme mich dafür.
Morgens, kurz vor 10 Uhr in Rheinbach.
Wir sind auf dem Parkplatz. Ich lese über die Geschichte des Ortes. Was uns auffällt: Es gibt sehr wenig Zeugnisse jüdischen Lebens in Rheinbach. Kein Hinweis, wo die Synagoge stand. Will man die Vergangenheit vergessen?
Zeit
heilt alle
Wunden, heißt es.
Doch manche Wunden heilen
nie.
Nie
wieder Krieg!
Worte verhallten ungehört.
Es vergeht kein Tag
ohne.
Ohne
jede Hoffnung
ist kein Leben
möglich in dieser dunklen
Zeit.
Zeit
vergeht langsam.
Menschen hinterlassen Spuren,
die Zeugnis geben vom
Leben.
Auf dem jüdischen Friedhof.
Der Kreuzweg in Birkenau. Wir trinken die schwarze Milch,
tauchen ein in düstere Erinnerungen darüber,
was Menschen den Schwächsten antun.
Harte Arbeit haben wir heute geleistet.
Die Toten verbrannt, die Asche verstreut.
Kein Bedauern, keine Tränen, nur kalte Bilanz.
Wir haben Jesus verraten, sechs Millionen mal.
Wo ist Gott bei all dem Elend?
Dort hängt er, am Galgen. Sein Leib verbrennt im Ofen.
Schwarzer Rauch steigt auf. Die Sonne verdunkelt sich.
Es ist Karfreitag.
MONIKA WINKELMANN
Pilgerfahrt zur Synagoge Rheinbach – 4.4.2026
Meine dort geschriebenen Texte
1. Die Schändung – Eine Absage an den Begriff „Reichskristallnacht“
Ich frage mich, warum niemand mit uns fährt, um am Projekt teilzunehmen. Gut, es ist Karfreitag – das gab ein Freund von mir zu bedenken -, andererseits eignet sich gerade Karfreitag wunderbar, um den Schmerz nachzuempfinden, den jüdische fromme Menschen, aber auch weniger fromme Menschen in jener fürchterlichen Nacht empfunden haben müssen, als ihre Gotteshäuser geschändet wurden. Auch Scham, dass sie sich nicht wehren konnten, und ohnmächtige Wut, Entsetzen dürften spürbar gewesen sein. (Sicherlich auch bei zahlreichen nicht-jüdischen Deutschen – aber soweit sind wir noch nicht, uns in das eigene innere Zerbrechen während unserer Zeugenschaft hinein zu versetzen). Ganze Existenzen wurden in jener Nacht zerstört! Also nicht „nur“ die spirituellen, sondern materiellen Grundlagen vieler Juden, unserer Nachbarn, unserer Kolleginnen und Kollegen, und unserer Freunde. Im Keim dürfte man schon damals mehr geahnt als gedacht haben: Wie soll das derartig ramponierte Vertrauen jemals wieder herzustellen zu sein!
Aber zurück zu meiner Anfangsfrage: Ist es die Scham, die unsere deutschen Schwestern und Brüder daran hindert, diese, wie ich finde, kostbare Gelegenheit zu ergreifen und zu trauern, zu bezeugen, im geschützten Kreis, was vielleicht noch nie Raum haben durfte?
Nichts sollte sichtbar übrig bleiben von der reichen, religiösen Tradition des Judentums, zumindest in Deutschland.
(Anmerkung: Als ich 2010 zum ersten Mal in Krakau, unter Freundinnen und Freunden, Gleichgesinnten* eine Synagoge betrat, brach ich beinahe zusammen, überwältigt von der Präsenz und Schönheit meiner ersten Begegnung. Es würde noch ein gutes Jahrzehnt dauern, bis ich mich in die Bonner Synagoge traute, mich wie eine Aussätzige fühlend. Kurz danach machte ich dann auch Bekanntschaft mit der Kölner Synagoge in der Roonstraße und nahm Kontakt auf zu Rabbi Bruckner, der online Hebräisch lehrte – mit der unverwechselbaren humor- und phantasievollen Didaktik eines jüdischen Lehrers. Es hatte mir große Freude gemacht, jedoch konnte ich den späten Beginn am Abend nicht mehr mit meinem frühen Aufstehen zu Meditation und Gebet vereinbaren. Leider. Ich nahm den Segen dieses Rabbiners dankbar und demütig an.)
*) 2010 nahm ich an der ersten von fünf weiteren, fünf-tägigen Zeugnis-Ablegen-Retreats in Auschwitz teil, unter Leitung von Zen Meister Bernhard Tetsugen Glassman. Danach fuhr ich 2024 und 2025 mit jeweils einer Kleingruppe nach Auschwitz, um für fünf, bzw. für zehn Tage (inklusive das tabuisierte Ghetto in Krakau) Einkehrtage mit der Kunst des „Heilsamen Schreibens“ vor Ort (Übernachtung und Gespräche mit dem Pater und Buchautoren Dr. Manfred Deselaers im Zentrum für Dialog und Gebet, Oswiecim) zu begehen.
2. Drei Wort-Elfchen (Gedicht mit 5 Zeilen, jede Zeile hat eine festgelegte Anzahl von Wörtern)
Auch
in mir
gefrorene Gefühle kaum
Worte für Brutalität: zweiundzwanzig
Synagogen
Kein
Erbarmen. Auch
uns Kindern gegenüber
seelische Kälte macht mich
sprachlos
Wir
hätten Blumen
mitbringen sollen: Beim
nächsten Mal: Bunte Schönheit
am Gedenkschild
Der liturgische Text der von Vater Manfred entwickelten „Kreuzwegmeditation für Auschwitz-Birkenau“ ist mir am Stärksten unter die Haut gegangen. Die kurzen Augenzeugenberichte. Das Gebet für die Frauen…
Auch diese Zerstörung: Ein Kreuzweg, den Rabbinern und allen Jüdinnen und Juden aufgezwungen. Ich schäme mich so sehr und weiß, dass es nicht meine Pflicht und Aufgabe ist, mich zu schämen.
(Ich schäme mich der Nacktheit und Lieblosigkeit, die besonders von den in Rheinbach kaum auffindbaren Erinnerungs-Orten ausgeht. Wir Deutschen wissen nicht (mehr?), was der Anstand gebieten würde. Unsere innere, vermeintliche Ruhe, unsere Erscheinung, sind uns deutlich wichtiger als schlichte, demütige Aufrichtigkeit.)
Um jeden auffindbaren Platz – ob Friedhof oder Ort, wo ein Gotteshaus, eine Religionsschule standen, möchte ich weiße Rosen legen, dicht an dicht, alles einfrieden, sie mit Schönheit und Zärtlichkeit tränken.
WERDEN DIESE FRIEDHÖFE VERSORGT? (Wir meditierten, rezitierten, beteten und schrieben lange auf dem kleinen, verwahrlost aussehenden Friedhof in der kleinen Stadt. Was ist los hier?)
Ratlos
traurig verzweifelt
spüre ich dem
Kalten Herzen in uns
nach
Zwei Notizen in meinem Heft:
1. Doppelte Schande: Die Verwahrlosung der Friedhöfe. Die Palästinensische Barmherzigkeits-Katastrophe hat NICHTS mit dem liebevollen Kümmern um die Gedenkorte jüdischen Lebens zu tun. Im Gegenteil, ganz im Gegenteil.
2. Stolpersteine VOR ORT putzen als PUTZEN DES HERZENS.















