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Unser Hang zur Bequemlichkeit

von | 12. Jan 2019 | 0 Kommentare

Wieder einmal dachte ich über Bequemlichkeit nach. Viele unserer Sehnsuechte scheinen sich auf genau dies Ziel zu richten. Unser Hang zur Bequemlichkeit.

Bequem zu laufen, wenn überhaupt, sich bequem fort zu bewegen, bequem zu sitzen, zu liegen, zu schlafen, bequem zu reisen, zu zahlen, fern zu sehen, zu arbeiten, bequem zu kommunizieren, bequem zu wohnen… ja, überhaupt: Ein möglichst bequemes Leben zu haben. Wer bequem lebt, hat es geschafft.
Mich graust es, und mich graust es zusehends. Welchen Virus haben wir uns da nur eingefangen! Wir, in den überwiegend weissen, überwiegend wohlhabenden bis sehr wohlhabenden Gesellschaften dieses Planeten! Man muss nicht mehr so hart arbeiten für sein Brot. Damit ist immer gemeint: Körperlich hart. Im Schweisse seines Angesichtes.
Wer im Schweisse seines Angesichts noch arbeiten bzw. sich bewegen will, geht Marathon laufen oder ins Fitnessstudio oder pachtet sich einen Garten, kauft zum Auto ein Fahrrad dazu, geht pilgern.
Und dann wundern wir uns über den Grad der Zerstörung unseres Planeten, unseres Rückens, unserer Fitness, unserer Moral. Wer noch mit der Sense mäht, hat wahrscheinlich zu viel Zeit und ist irgend so ein Freizeitgärtner. Wer noch Briefe mit der Hand schreibt und zum weit entlegenen Briefkasten läuft, wirkt antiquiert. Wer Bücher im Rucksack mit sich schleppt statt auf einem Kindle zu lesen, hat etwas nicht verstanden. Wer elektrische Laubstaubsauger hasst, will sich gegen die Moderne wehren. Wer Smartphones und Computerglück anzweifelt und lieber wieder mehr die Kollegen und Nachbarn besuchen und mit ihnen klönen möchte, steckt den Kopf in den Sand. Und wer meint, dass man eigentlich gut auf einer preiswerten harten Matratze liegt, auf Hockern und harten Stühlen oder überhaupt auf dem Boden sitzen kann. Ohne Auto leben, das Brot selber backen und die alten Möbel behalten. Die Treppen steigen statt partout einen Fahrstuhl haben zu müssen. Jeden Tag einzukaufen statt im Supermarkt mit Auto … wer das meint, was ist das denn für ein Masochist?
Brauchen wir es, uns über die Menschen in den ärmeren Ländern oder Vierteln unserer Städte zu erheben? Tut es uns gut, uns vorzustellen, wie sie das Land, das vielleicht unseren Grosskonzernen gehört, mit Hacke und Schaufel bearbeiten und nur einmal am Tag, in der Hocke sitzend, essen können? Was um Himmels willen hat uns so faul werden lassen, so überheblich!
Ja, ich nehme einen bitteren, sarkastischen, moralischen Unterton wahr. Aber ich bin auch ehrlich erschrocken. Ich glaube nicht die Bohne an diese Segnungen der Postmoderne. Die Bedürfnisse sind Sekundärbedürfnisse, sie werden uns eingeredet, suggeriert, wir leben in einer Trance-Welt vermeintlicher Sicherheiten und auf Kosten vieler anderer.
Am Wochenende leitete ich eine kleine Gruppe jüngerer Frauen an zum Schreiben und Meditieren. Das formale Sitzen nahm einen kleinen Raum nur ein, aber wir sassen überwiegend auf Sitzkissen. Wie froh und dankbar bin ich für diese Praxis! Wie stark ist mein Rücken geworden mit den Jahren regelmässiger Sesshins/Retreats! Ich hatte, ohne ins Fitnessstudio zu gehen und obwohl ich viel Zeit am Bildschirm verbringe, die vielleicht beste Ausdauer im Sitzen. Was für ein gutes Training bietet Zen, bieten auch andere Meditationsrichtungen, auch für unseren Körper! Ausdauer, Geduld, Frustrationstoleranz, Tapferkeit, Mut … es gibt so Vieles, an dem wir wachsen können, von den Einsichten in und Erfahrungen anderer Wirklichkeiten, die unsere Wahrnehmung beträchtlich erweitern, unsere Selbst- und Welterkenntnis anreichern.
Ich meine das nicht angeberisch, wenn ich sage: Die Sucht nach Bequemlichkeit, ja, die Bequemlichkeit selber ist ein verdammt schlechter Ratgeber. Charakterbildend ist – vielleicht – eher das genaue Gegenteil.

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