Finde ich mich zurecht, wenn sich alles in Veränderung befindet?

Wenn wir gesund und ursprünglich aufgewachsen sind, das heißt mit Verantwortung für Pflanzen und Tiere, in engen, vertrauensvollen Beziehungen zu Jüngeren und Älteren, müsste uns das Thema eigentlich vertraut sein. Es handelt sich schließlich um das größte Abenteuer überhaupt, dieses Leben zu leben. Wie jedoch kann es ein Abenteuer sein, wenn wir als Gesellschaftsideologie die Illusion pflegen, es gebe Sicherheit vor zum Beispiel Krankheit und Tod, und diese sei unter Umständen durch Versicherungen käuflich. Feste Arbeitsplätze würden uns ein ständig wachsendes Einkommen garantieren bei gleichzeitiger Beförderung auf höherrangige Posten. Vor Krankheiten und anderen schwierigen Lebenssituationen würden uns sowohl richtiges Verhalten als auch ausreichende finanzielle Mittel bewahren.Mir will es scheinen, als sei unsere Gesellschaft vor dem Ausbrechen der weltweiten Seuche wie erstarrt gewesen, und das einzige Abenteuer für viele, zumal in den reicheren Ländern, habe in den Unsicherheiten der Pandemiebewältigung bestanden: Wie überstehen ich und meine Lieben diese Viruskrankheit gut, und wie behalten wir unseren Lebensstil bei? Wie arrangieren wir uns im Neuen, falls wir – als Erwachsene zum Beispiel – unsere gewohnte Arbeit nicht erhalten können? Neulich sagte eine Freundin zu mir: Entweder wir lernen freiwillig oder das Leben zwingt uns, Lernschritte zu machen. Wäre es möglich – sehr radikal gesagt –, die Pandemie zu begrüßen, fast so, als hätten wir sie uns in bizarrer Weise „ausgesucht“, um wieder in ein Leben zu kommen, das immer risikoreich ist? Und was ist mit denen, die gestorben sind, qualvoll, und zwar an der Pandemie? Ich weiß es nicht. Sollten wir Anschauungsmaterial vor Augen haben bzw. Situationen durchleiden, um das Wunder, überhaupt am Leben zu sein, wertzuschätzen? Viele Menschen im Risikoalter wie ich (siebzig) haben glücklicherweise überlebt, aber viele auch nicht. Hat mich diese Erfahrung dankbarer gemacht? Ja, auf jeden Fall. Und demütiger. Meine materielle Existenz hing zeitweise am seidenen Faden: Müsste ich mich nach etwas Preiswerterem (falls es das überhaupt gibt) umsehen, früher, als ich es ohnehin vorhatte? Müsste ich mir einen Minijob suchen? Müsste ich mich also jetzt schon entscheiden, ob und wo ich mich erkundigen würde, unter Umständen in ein Wohnprojekt zu ziehen? Welches sind meine Kriterien?

Fließen wir mit den Umständen mit? Umstände, die uns traurig oder froh stimmen? Bleiben wir darin stabil, im Fließen? Regelmäßige Meditationspraxis gibt mir Stabilität und gleichzeitig Flexibilität – beide sind aufeinander bezogen und in einem sich wandelnden Fließgleichgewicht. Denn manchmal begrüßen wir Veränderung, manchmal nicht, und über den richtigen Zeitpunkt und das passende Ausmaß wollen wir selbst bestimmen. Genau das aber wird kaum geschehen. In den Gruppen, die von den „Anonymen Alkoholikern“ gelernt haben, wird am Ende eines Treffens stets von allen der Gelassenheitsspruch rezitiert: „Gott gebe mir den Mut, die Dinge zu verändern, die zu verändern sind. Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Wie passend zum obigen Thema kommt mir das vor! Allerdings sind alle drei erbetenen Qualitäten alles andere als leicht. Alle erfordern sie Weisheit, die wir oft nicht haben (siehe oben), und zwar aus den verschiedensten Gründen – ganz zu schweigen von der Kunst des Unterscheidens: Was ist veränderbar und was nicht?

Aufzuwachsen mit und in Verantwortung für natürliche Wesen, wie ich es oben als Möglichkeit aufgeworfen habe, kann das Drama unserer Existenz mildern und uns flexibel und demütig halten. Schließlich lernen wir an und mit ihnen so vieles über Wachstum, Reife und Vergehen. Befreien wird uns so ein „ländlicheres“ Leben jedoch auch nicht, sonst würden nicht so viele Fehlentscheidungen getroffen, die mit Überdüngung, Monokulturen und Pestiziden zu tun haben sowie mit einer ausbeuterischen Haltung auch vielen sogenannten Nutztieren gegenüber.

Buddha kannte die Dilemmata unserer menschlichen Natur, weil er sich Zeit nahm, sich selbst ausführlich zu studieren, und er benannte sie. Weil alle drei Erkenntnisschritte schwer und meist frustrierend sind. (Das Schwierige, das nicht zu ändern ist, wollen wir aber mit aller Kraft ändern. Das Schwierige, was zu ändern ist, wollen wir vielleicht gar nicht ändern, oder wir sind zu einfallslos und hoffen, dass andere diese Arbeit tun. Unterscheiden können wir auch oft nicht, weil wir uns unserer Wahlmöglichkeit oft nicht bewusst sind.)

Während ich diesen Gedankengang über den Wandel hier entwickle, macht er mir immer mehr Freude und schenkt mir neue Einsichten, zum Beispiel: Jetzt verstehe ich neu, dass die „Erste Edle Wahrheit“ lautet: Das Leben ist Leiden (Unzufriedenheit, Frustration). Die „Zweite Edle Wahrheit“ ist aber schon da: Es gibt Befreiung von diesem Leiden. Und diese Befreiung liegt tatsächlich allein in meinen Händen: Praxis. Übung. (Damit ist immer formale Meditations- bzw. Kontemplationspraxis gemeint, bzw. die Zen-Übung.)

In der Übung kommt alles zusammen. Übung IST Begegnung mit der Welt und ihrem Wandel. Mein Fazit für heute: Buddhistisch Praktizierende könnten sich meines Erachtens stärker für das einsetzen, das zu verändern IST: sich einmischen in die öffentliche Diskussion, sich mit anderen Bewegungen/Initiativen vernetzen und zusammenarbeiten. Oder selbst eine Bewegung gründen.
Befruchten und sich befruchten lassen. So darf sich auch der Buddhismus selber wandeln.

 

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