Heute ist ein grauweißer Tag, still, sanft und zärtlich schweben, fallen und tanzen die Schneeflocken vor meinen beiden Fenstern im Turm, den ich imaginiere.

Ich wohne allein im vierten Stock eines alten, unscheinbaren, sogar hässlichen Hauses, jedoch bietet es uns, den vier Parteien, jeweils Raum allein, auf einem Stockwerk zu wohnen. Das ist irgendwie Luxus, vor allem für mich, weil hier, nach ganz oben, kommt fasst keiner, sogar die Postboten – oder gerade sie, die Vielbeladenen und Unterbezahlten – stellen die Pakete und dicken Umschläge ganz unten oder am Fuß der letzten Treppe zu mir hoch ab. Wenn ich ihnen nicht aus Barmherzigkeit entgegenkomme, um die oft nötige Unterschrift zu leisten.Ich fühle mich wahrlich meist beschenkt mit dieser Wohnung in dieser Lage, auch wenn das Tragen von Einkäufen größerer Art manchmal einer kleinen Bergbesteigung gleichkommt oder der Gang hinunter zu den Mülltonnen oder um den Block herum zum Luftschnappen und Ausschreiten schwerfällt. Jedoch übe ich, das Beste aus dieser Lebenslage ohne Balkon, den ich sehr vermisse, zu machen. So sollte es auch mit den anderen Geschenken sein, die wir erhalten. Nach dieser Erkenntnis lebe ich seit vielen Jahren. Ich habe gelernt, mich beschenken zu lassen, und zwar nach der Auffassung und den Möglichkeiten der Schenkenden, nicht nach meinen eigenen. Meine eigenen, vielleicht noch nicht einmal erkannten oder zugegebenen Wünsche werden hin und wieder erfüllt, meist auf höchst überraschende Art, und dann bin ich selig. Ein Buch, das ins Schwarze trifft, und ich hatte noch nie von ihm gehört. Ein Körperpflegeartikel, den ich mir nie leisten würde (meine Tochter ist groß darin, meine Wünsche zu erahnen oder zu wecken), eine Kleinigkeit, ein Gutschein – und ich bin überwältigt. Aber, liebe Freundinnen und Freunde, ich kann mich inzwischen genauso freuen über die Gabe an sich, über den Akt des Gebens, die Art, wie das Geschenk gemacht wurde, zum Beispiel. Dabei habe ich schon überraschende Dinge erhalten, die ich mir nicht gekauft hätte. Ein Porzellanhuhn, das Porzellankörner aufpickt, zum Beispiel. Alaa, mein syrischer Freund aus Aleppo, hatte es mir geschenkt und es stand lange draußen, neben dem großen, dunkelgrauen Buddha, der jetzt auf der Treppe unten steht, zur Begrüßung der diversen Engel, die zu erwarten sind. Ach, ich erinnere sie gar nicht alle, die Geschenke. Von Nour: das Parfüm, ich nehme es und liebe es immer noch. Diese orientalischen Düfte sind unvergleichlich. Die Hose von Sabah, ihrer Mutter, toll ausgesucht, doch passte sie nicht ganz, ich verschenkte sie weiter. Wie mutig, dachte ich, eine Hose zu verschenken! Aber das gelbe, lange Nachthemd – ich habe es lange und mit Liebe getragen. Nehmen wir Geschenke von Kindern – wer möchte sie missen! Eine selbst verzierte Karte mit Edelsteinen von Kasi, ein Foto von ihm, das ihn in seiner Wildheit als edlen, aber sehr mutigen Ritter zeigt – sie ist leider voller Flecken, aber ich muss sie einfach behalten. Oder der Stern, gefaltet aus braungoldenem Papier meiner Freundin Beate, er diente mir während des vergangenen, langen Schreibworkshops als Redestück. Mein „Morgenstern“, denn der Workshop begann am achten Tag des zwölften Monats, das heißt am Tag von Buddhas Erwachen. Ich erhielt CDs, Bücher, Schreibhefte, Briefe, Karten, und habe nicht alles aufgehoben, kein Album meiner wunderbaren Überraschungen gemacht. Schade! Alben hatte meine Mutter gemacht, es war ihr Ein und Alles, für mich blieb da kein Platz mehr für dieses Hobby.

Ich sagte neulich zu einem lieben Menschen: Ich finde, wir sollten sie immer annehmen, freudig, die Geschenke unserer Mitmenschen. Ich meine damit die, die wirklich als Geschenk gemeint sind, nicht irgendwelche Gemeinheiten, an denen wir dann wochenlang zu „knabbern“ haben. Auch wenn sie uns mit einer Seite unseres Soseins nicht gefallen, nicht entsprechen. Vielleicht hatten wir sogar gesagt, wir wollten kein Geschenk. Trotzdem. Es gehört so viel dazu, es sich wert zu sein, zu schenken. Es sich wert zu sein, Geschenke anzunehmen. Beides ist eine Kunst, die wir üben und verfeinern können. Ein Mensch, der von sich glaubt, er oder sie habe nichts zu geben, führt ein äußerst trauriges Leben. Daher lieber nichts zurückweisen. In jedem Geschenk steckt auch ein Stück Poesie, Schönheit des Gebenden. Vielleicht übt dieser Mensch gerade das Schenken und kann es noch nicht so gut.

Wir können auch darüber sprechen, bei einer Tasse Tee oder Kaffee. Ein Thema, das alle angeht, auch die ganz Kleinen und die ganz Alten. Um Weihnachten und Sylvester herum Thema Nummer eins. Ich nehme also alles an, herzlich an, schaffe es manchmal auch nicht, mich zu bedanken, hoffe dann, es später wieder gutzumachen durch einen Brief, eine Karte. Manche Menschen habe ich sicherlich enttäuscht. Das tut mir sehr leid. Ich bitte herzlich um Verzeihung. Manchmal schaffte ich es wirklich nicht, dann hoffe ich, dass dieser Mensch nicht aufgibt und mich einfach anruft. Geschenke dürfen weiterverschenkt werden, manchmal sage ich das auch. Früher hatte ich Hemmungen, das war sozusagen ein Tabu. Manche Geschenke haben auch irgendwann ausgedient, fanden die Würdigung, die ich ihnen zukommen lassen wollte und konnte, und dann wurden sie mit anderen Gegenständen, die einfach überflüssig waren und wurden, weggeworfen. Niemals sofort und achtlos. Dasselbe gilt auch für Einladungen, die ja auch wie Geschenke sind. Nach Möglichkeit esse ich, was angeboten wird. Im Rahmen des Möglichen. Ich trinke zum Beispiel keinen Alkohol und keinen Kaffee mehr. Denn gerade Essen kommt vom Herzen, wenn es dann noch selbst gekocht wurde.
Leber, Nieren, Innereien würde ich nicht essen und das höflich sagen können. Wenn man mich länger kennt, wird man herausfinden, was ich schätze und nicht so oder gar nicht. Aber erst einmal geht es um Gastfreundschaft, wo man teilt, was da ist. Ganz einfach DIES.

Wir haben es verlernt und können wieder lernen. Wen könnten wir mal einladen, überraschen, für wen oder mit wem kochen? Nach dieser schrecklichen Covid-Phase doch genau das Richtige, wieder aufzutauen und Leichtigkeit im Umgang zu finden. Darf man alte, gebrauchte Dinge verschenken? Ja! Es kommt darauf an, wie man das macht. Offen, fragend. Gerade das Tauschen, das Abgeben vom Zuviel, das großzügige Teilen dessen, was man schon hat, ist definitiv zu kurz gekommen bei uns. Gerade bei neuen Freundschaften kann es ein Zeichen großer Nähe und Verbundenheit sein, wenn ich gefragt werde, ob ich diesen Pullover haben möchte – die andere Person weiß genau, wie sehr ich Wolle schätze, und vielleicht hatte ich das Kleidungsstück gelobt.

Die Motivation also zählt, und manchmal doppelt. Weitaus mehr als der Gegenstand. Eigentlich bräuchten wir uns gar nichts Materielles zu schenken, denn die Begegnung von Herz und Herz zählt allein, das Sehen und Gesehenwerden. Das Teilen unserer Lebenszeit. Vergessen wir das nicht in einem Winter, mit Krieg nicht weit entfernt, mit Angst, die Heizung zu weit und zu lange aufzudrehen, mit Scham angesichts der Noch-stärker-Ausgesetzten ohne Dach, Schutz, Wärme, Nahrung, Hoffnung. Wir haben dieses Leben geschenkt bekommen, vielleicht nicht immer mit Dank und Liebe empfangen, dieses Wunder, und wie können wir je, ohne Trauer zu empfinden, verstehen, wieso wir zu denen MIT einer Herberge gehören. Mögen wir die Türen offen halten, immer wieder, um Geschenke freimütig geben und empfangen zu können.

 

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