Ein Déjà-vu: 2013 waren es auch ca. 500 Flüchtlinge, die in Sichtweite der Lampedusanischen Küstenwache mit dem völlig überfüllten Boot kenterten und elend ertranken, Arme hoch in die Luft über Wasser gereckt. Gemälde, Fotos, Erzählungen kursierten über diese Arme, Unterarme, Hände im fahlen Licht des Morgengrauens. Manche, nicht nur die Babys und Kinder, hatten sich an den Körper des sinkenden „Nachbarn“ geklammert, ihn so nach unten ziehend. „Stimmen wie von schreienden Kätzchen“ habe er auf einmal gehört und konnte sich die Sache nicht erklären. Bis er die Hände und Arme sah. Viele. Wie schnell geht man unter, wenn man nicht schwimmen kann? Erschöpft ist?

Pasquale war die Nacht über draußen geblieben, man hatte gefeiert…, zwei Freunde von ihm waren dabei. Er rief sofort die Küstenwache an und schrie um Hilfe. Ich bin nicht mehr sicher, ob überhaupt jemand zu Hilfe kam, an jenem Morgen. Noch Jahre danach wurde über diese Unterlassungssünde, für die nach Beweisen gesucht wurde, erregt diskutiert.
Lampedusa hatte – noch? – den Ruf, traditionell offen zu sein gegenüber Meeresschildkröten und Gästen, Passanten, Flüchtlingen aus Afrika. Auch geologisch gehörte die Insel eher zu Afrika.

Die Körper der Geretteten, die den Ring auffangen, ergreifen konnten, waren glitschig vom öligen Treibstoff, der in Brand geraten war. Das passiert nicht selten, so wie auch die Wunden zahlreich und schmerzhaft sind, die durch das ätzende Gemisch aus Treiböl und Salzwasser entsteht. Der Fischer und seine Gäste arbeiteten unermüdlich, um die Körper mit aller Kraft über den Schiffsrand zu ziehen. Fast ein Jahr später, im September 2014, als wir zwölf Menschen aus vier europäischen Ländern nach Lampedusa „pilgerten“, würde er uns erzählen, wie alles für ihn gewesen war, an jenem Morgen, und wie es danach weiter ging. Diese Aktion habe ihn für immer verändert, teilte er uns mit. Er habe Karten bekommen, von geretteten, jungen afrikanischen Männern, abgestempelt in Deutschland, Schweden, Norwegen…, in denen er mit „Papa“ angesprochen wurde. Pasquale weinte leise auf der leerer werdenden Terrasse des Eiscafés, in dem wir zusammen gekommen waren. Unter einem nahen, tiefschwarzblauen Himmel. Um 22 Uhr, hatte er gesagt, wenn nicht mehr soviel los wäre.

Wie viele konnten gerettet werden? Ich erinnere mich nicht mehr. Warum denke ich an die Zahl 53? Vielleicht alle zusammen, denn auch ein anderer Fischer hatte Menschen aus Seenot gerettet.
Pasquale wurde zu einer Gerichtsverhandlung geladen, das habe ich drei Jahre später erfahren, als ich zusammen mit Romeo Poltronieri die Insel wieder aufsuchte. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, wenn ich das richtig erinnere, und war verbittert darüber. Bei der Zeremonie, die unsere Gruppe 2014 Mitte der Woche abhielt, in Pasquales Boot, ließen wir uns genau zu der Stelle fahren, wo die Menschen aus Afrika, die meist schon so elend lange Fluchtwege hinter sich hatten, ertranken. Pasquale stellte den Motor aus. Außen und innen wurde es still. Ruud Banders improvisierte auf seiner Shakuhachi-Flöte. Danach war jede*r von uns dreizehn Anwesenden eingeladen zu teilen, was ihn oder sie besonders bewegte. Pasquale teilte mit uns, dass er und alle Fischer geschworen hätten, Menschen aus Seenot zu retten. Dieses alte Gesetz gelte nicht mehr. Er wirkte bitter. Ruud übersetzte meistens, oft aber auch Frank de Waele oder ich, wir drei verstehen und sprechen Italienisch. Svenja Hollweg hatte Blumengestecke gebastelt, die jedeR von uns mit stillen oder laut gesprochenen Worten dem Wasser übergab. Sie tanzten auf den Wellen, verschwanden in den Wellentälern. Wer wollte, konnte jetzt ein Gebet in eigener Sprache anstimmen. Jemand schlug das „Vater Unser“ vor. Pasquale sprach es auf Italienisch und weinte dabei. Ich glaube, alle weinten. Unser sizilianische Freund sagte, er habe das Gebet zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder gesprochen.

Ich würde Pasquale noch zweimal sehen: In Hannover und auf Lampedusa.

Zehn Jahre später: In den Nachrichten sehe ich Menschen abends, unter schwarzdunklem Himmel, in überfüllten Straßen Athens, die lautstark gegen die Regierungspolitik ihres Landes demonstrieren. Auf Plakaten sieht man das Wort: Killer! Der Journalist und Buchautor Ronen Steinke schrieb in der Süddeutschen Zeitung, vor einigen Tagen: Bei diesem Schiffsbruch handelt es sich nicht um einen Unfall, sondern um Unrecht.

https://www.sueddeutsche.de/kultur/gefluechtete-menschen-seenotrettung-eu-1.5947164?reduced=true