Bei der Suche nach einem bestimmten Blogeintrag überflog ich ein paar andere Einträge.

Ich las den von Teresa Jansen und meinen über Greta Thunberg. Manchmal mache ich das, vermute ich, um zu prüfen, ob ich bei schwierigen Inhalten noch zum Text stehen kann.  Das fällt mir immer leichter, je mehr Übung ich habe. Allenfalls merke ich mir eine bestimmte Ungenauigkeit oder das Fehlen eines mir wichtigen erscheinenden Arguments. Meine Übung, die ich auch meinen Studentinnen und Studenten weitergebe, trägt nach Jahrzehnten Früchte, stelle ich erfreut fest. Ich darf improvisieren, schätze diese „Kunst der Kunst“ sehr hoch ein. Die Grenze zwischen Schlamperei und Improvisation mag dünn sein oder erscheinen…- mein eigener Maßstab ist der, dass Schlamperei mich nicht befriedigt, Improvisation dies aber vermag. Wir entwickeln uns ja immer weiter, nicht wahr? Was ich vor drei Wochen komplett fand, verlangt heute vielleicht nach einem Zusatz. Das ist nicht bei jedem Text so, manche sind, wie sie sind: dicht und rund. Mein Schreiblehrer im kreativen Schreiben, Lutz von Werder, und Erich Kästner gehören zu dieser Sorte. Es ist schlechter Stil, an den eigenen, früheren Erzeugnissen kritisierend zu arbeiten. Nein, unsere Denke und Schreibe wird grundsätzlich so angenommen, wie sie waren oder sind. Wir achten die jüngeren, manchmal, nicht immer, unreiferen Anteile von uns.

Und so verfahren wir auch mit anderen. Wir lassen deren Texte grundsätzlich gelten.

So mache ich es auf meiner Homepage auch. In meinen Seminaren, Workshops, Retreats: Jede:R schreibt’, wie sie mag und kann. Durch die Übung des wiederholten Vortragens, hören wir das Echo unserer Stimme immer deutlicher und werde dabei auf Stimmigkeit aufmerksam. Durch die persönliche Resonanz derer, die unserem Text gelauscht haben, formt sich mein Ausdruck weiter.

Wessen Text ich auf meine Webseite stelle, verantwortet den Inhalt. Natürlich habe ich das Erzeugnis interessant gefunden, sonst stünde es nicht dort. Jedoch vertritt die Autorin ihre Meinung, nicht meine. Ich verbeuge mich davor. Die Autorin hat zum Beispiel offen darüber geschrieben, dass sie sich nicht impfen ließ. Was für ein Mut gehörte dazu! Ich habe alle vorgeschriebenen Impfungen nämlich alle machen lassen, und hatte lange Zeit keinen oder kaum Zweifel an der Richtigkeit dieser Maßnahme. Ich bin Vorbild als Seminarleiterin und fand, wir müssten beispielhaft vorangehen. Fertig. Allerdings verstand ich jüngere Frauen, die Fragen stellten wegen ihrer Fruchtbarkeit usw., und ich hatte Verständnis dafür, dass es Menschen gab, die nachweislich diese Impfung nicht vertrugen.

Mein persönliches Ziel war zu trainieren, in allen Gesprächen mit Menschen, die ich traf und mit denen ich mich austauschte, zugewandt, interessiert, verständnisvoll zu bleiben, auch wenn sie das Gegenteil meiner Ansicht vertraten. Ich kann mit einem gewissen Stolz sagen, dass ich weit gekommen bin und zunehmend ehrlich einräumte, dass auch ich Zweifel hätte an der langfristigen Folgenlosigkeit der Maßnahmen, wir also beide eine gemeinsame Schnittmenge hätten. Öfter sagte ich, ich sei sicher, dass wir in einigen Jahren in irgendeiner einschlägigen Zeitschrift – sollte es investigativen Journalismus dann noch geben – über die wahren Hintergründe der Seuche aufgeklärt werden würden. Dabei wies ich darauf hin, dass ich als Buddhistin mit dem Gedanken auf Du und Du sei, morgen tot sein zu können. Oder früher. Daher würde ich mir weder über das Eine noch das Andere große Sorgen machen. Überhaupt glaube ich wenig an Kontrolle über das Lebendige; höchstens darf ich hoffen, in meiner Gedankenbeobachtung etwas weiter gekommen zu sein.

Die sehr Ängstlichen gingen mir schneller als andere auf die Nerven, weil sie, ohne es zu merken, oft wollen, dass alle auf sie Rücksicht nehmen, statt einmal einen Schritt auf die anderen zu zu machen. Ich übte, deren Fürsprecherin zu sein. Wer weiß, vielleicht verdränge ich diesen Teil in mir. Immerhin hatten sie buchstäblich Todesangst. Die beiden extremen Fraktionen verstanden einander überhaupt nicht. Die mit der Todesangst – ich hörte wirklich extreme Geschichten von Menschen, die Wochen lang ihre Wohnung kaum verlassen haben oder sehr ernsthaft ans Auswandern dachten. Während die Anderen, die als erstes auf den Listen für die nächste Spritze standen, sich überhaupt keine einzige Warnung zu Herzen nahmen. Ich hörte auch keinerlei Mitgefühl mit denen, die aus gesundheitlichen Gründen mehr Schutz brauchten oder die wirklich sehr krank wurden. Mir scheint, dass das immer so ist, bei jedem Konflikt. Immer krachen diejenigen aufeinander, die weder zuhören noch wachsen wollen. Aber auch in dem hartnäckigsten Konfliktfeld kann sich etwas mit ganz viel Liebe und Geduld verändern.

So, wie ich hier meine Seite im ganz Kleinen gestalte und mich auch traue, eine als extrem empfundene Position einzunehmen (siehe mein Artikel über Frau Krone-Schmalz), wünsche ich mir die Räume und Organe der Gesellschaft. Stehen und gelten lassen anderer Positionen: neugierig und erstaunt zuhören, nachfragen. Sichtweisen dabei verändern. Extreme Positionen als Schatten des eigenen, liebgewordenen Standpunktes verstehen üben. Reflektieren, ob man mit verantwortlich ist für die extreme Position, die man nicht schätzt/verabscheut/fürchtet.

Jemand bezichtigt einen selber, eine extreme Ansicht zu vertreten. Dies ist ernst zu nehmen, ich verbeuge mich sichtbar oder unsichtbar. An dessen/deren Warte ist etwas dran, und ich stelle mir vor, was diese Personen brauchen. Ein Eingeständnis, dass etwas dran ist? Anerkennung? Reue? Eine Entschuldigung?

Wer von uns glaubt oder hofft, dieselbe bleiben zu können, der er ist. Genauso weiter lebend wie bisher, denselben Lebensstil pflegend: Dieser Mensch stellt sich dem Strom des Lebens in den Weg, hält fest und kann nur kentern oder ins Wasser fallen oder mit dem Wasser in der Mitte des Flusses mitgerissen werden.

Das Meer wartet nicht.

 

Bild von Elias auf Pixabay