31. Dharma-Reflexionen vom 6.7.2025, zum Buch von Norman Fischer: „The World Could Be Otherwise – Imagination of the Bodhisattva Path“, Kapitel „Die Vollkommenheit der Geduld“, Unterkapitel „Verse über die Vollkommenheit der Geduld“, 106-108

Von Tokmé Zongpo (Gyalse Tokmé Zangpo: 37 Practices of the Bodhisattva) haben wir schon gehört. Aus diesen: 

“Für Bodhisattvas, die reich an Tugend sein wollen
ist eine Person, die Dich verletzt, ein wertvoller Schatz.
Kultiviere Geduld gegenüber jedem Menschen
ohne Irritation oder Bitterkeit – dies ist die Übung eines/einer
       Bodhisattva.*

Menschen, die verletzendes Verhalten an den Tag legen, gelten in Tibet als kostbar, weil sie selten sind. Es ist mehr oder weniger wahr, dass die meisten Menschen anständig und recht höflich sind. Aber eine wirklich grobe und verstörende Person ist unüblich. Wenn Du Jemanden wie sie in Deinem Leben hast, betrachte diese als Schatz. Sie wird für Dich tun, was sonst keiner tut: Sie wird Deinen Ärger aufrühren, Deine Art, nachtragend zu sein und andere schwierige Emotionen hervorlocken, die Dich zwingen werden, Geduld zu praktizieren. Und da Geduld der beste Weg ist, Deinen Speicher mit wertvollen Tugenden anzufüllen, werden diese faulen, ungezogenen Individuen besonders wertgeschätzt.

Was ist der Unterschied zwischen “geduldig sein” und “Geduld kultivieren”? Kultivieren ist ein Begriff aus der Landwirtschaft.***) Es geht um eine tägliche Arbeit, die aus sorgfältiger Beobachtung, Unkraut Jäten, Pflügen und Düngen besteht. Regen, Luft, Sonne helfen dabei, außerhalb unserer Kontrolle. Kultivierung ist ein geeigneter Begriff, um die Vollkommenheit von Geduld Tag für Tag zu üben, mit einer freundlichen Bemühung, die wir in Ruhe aufbringen, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Mit Jedem wirklich geduldig zu sein, kann lange dauern, vielleicht über dies eine Leben hinaus. Aber Bodhisattvas denken ohnehin freudig an viele Lebenszyklen des Bemühens.

Hier folgt noch ein Vers über die Perfektion von Geduld aus dem Prajnaparamita Sutra in Achttausend Zeilen:

Wenn sie jemanden harsch und beleidigend über sich sprechen hört
Bleibt der weise Bodhisattva in Gleichmut und Zufriedenheit.
[Sie fragt] Wer ist es, die spricht? Wer hört zu? Wie? Wer hört wem zu?”
Die Scharfsicht ist somit der herausstehenden Vollkommenheit von Geduld gewidmet.”**)

Norman vergleicht „diesen wunderbaren Vers“ mit einem Zen-Koan, welches eine Übung beschreibt: Wenn Du Dich plötzlich wegen irgendeines harschen Verhaltens ärgerlich fühlst, nimm’ die entfesselte Emotion wahr, wie sie sich ausdrückt, und frage Dich: Wer spricht? Wer hört zu, wie, wer hört wen?“ Vielleicht kannst Du diese Fragen einem Gefühl in Deinem Bauch zuordnen (genau dort, wo Du auch Dein Atmen bei täglicher Meditation wahrnimmst), und kannst Deine Aufmerksamkeit dorthin lenken, ohne ein einziges Wort zu sprechen.

„Solche Fragen durchdringen die Oberfläche des emotionalen Augenblicks, indem sie Dich in seine Tiefe tauchen. Wer bist Du in diesem emotionalen Moment? Wer ist der sog. Andere? Was geht hier wirklich vor?

Du schaust nicht nach Antworten. Du lebst einfach die Fragen. Dies öffnet und dekonstruiert den Moment. Was ist wirklich los in einem ärgerlichen Moment? Atem und Körper. Sprecher*in, Hörer*in, unangenehme Emotion. Erde und Himmel. Existenz und Nicht-Existenz. Wertschätzung und Schmerz. Mit anderen Worten, die Oberflächengeschichte — „Sie hätte das nicht sagen dürfen, ich bin wütend, ich schreie“ — ist bei intensiver Untersuchung frei von konventionellen Begriffen. in Wahrheit ist da kein „ich“, kein „du“, keine Emotion, keine Worte. Da ist nur Erfahrung, die aufwallt und abschwillt. Wenn wir dies Wissen zu uns nehmen — dass nämlich all unsere Begriffe jeden Momentes, auch wenn diese sehr überzeugend zu sein scheinen, ohne wirkliche Substanz sind —, werden wir wahrhaftig geduldig.“

Persönliche Reflexion:

Ich fand diese beinahe wörtliche Übersetzung  anstrengend. Obwohl oder weil der Inhalt anregend für mich war. Ich sehe es als Glück, dass ich mir zeitgleich mit dem derzeitigen Thema „Geduld“ das Buch von Stephen Batchelor „ Nagarjuna: Verse aus der Mitte“ zu erschließen versuche. Zeitweise fühlt es sich so an, als würde hier die tägliche Übung zur Leerheit erläutert, also sozusagen “angewandte Leerheit”. Ich glaube, es ist nicht weit hergeholt. Geduld scheint mir jedenfalls der Schlüssel zu sein.

Manchmal gehe ich noch in den Widerstand, wenn wir zum Beispiel ‘unsere/die Peiniger*innen’ als Glücksfälle ansehen ’sollen‘. Diese Abwehr ist aber durchlässiger geworden, weil ich einen neuen Schlüssel entdeckt habe, über den ich noch schreiben möchte.

Diesmal tauchte der Widerstand beim letzten Satz auf, den ich eigentlich akzeptierte, der sich dann plötzlich verwandelte und mir Anlass gab zu sagen: „Das kann aber auch eine Einladung zu Missbrauch sein“. Bei näherer Betrachtung jedoch habe ich dies Argument selber entkräftet. – Mal sehen, ob es mir gelingen wird, den Gedankengang noch einmal nachzuvollziehen. – Anstrengend war es wohl auch deswegen, weil ich erkennen musste, wie wenig geduldig ich war und immer noch bin, auch wenn ich enorm dazu gelernt habe.

Gruppen-Reflexion:

Das Thema hat uns alle aufgeregt. Man führt innere Kämpfe, Dialoge, Tribunale – wer hat wann nicht genügend Geduld einem selbst gegenüber bewiesen? Wie steht es um die eigene Geduld mit sich selber, sind wir vielleicht manchmal zu geduldig und könnten uns ruhig mehr fordern? Oder vielmehr nachsichtiger sein?

Einen Stopp einlegen zu können zwischen Reaktion und geschickter Antwort, das ist ja überhaupt die Übung! Ich ‚kann‘ es um ein Vielfaches besser als vor Jahren noch. Es ist wirklich eine Frage der Übung. Beide in der Gruppe wussten ein Beispiel beizutragen, aus dem politischen oder persönlichen Bereich. Da wir auch „Gewaltfreie Kommunikation“ miteinander üben, greift Eins ins Andere, und Erkenntnis und Verstehen beglücken. Dass wir diesen Weg gemeinsam gehen, erleben wir als segensreich.

*) Conze, The Perfection of Wisdom in Eighthousand Lines, 6
**) Mc Leod, Reflection on Silver River,119
***) Ich fand zusätzlich zu ‘Landwirtschaft’ noch unter Etymologie: Verfeinern, veredeln, bebauen, urbar, begehbar machen, kolonialisieren, zivilisieren. Also werden auch Schattenseiten benannt, die bei “Geduld” vielleicht auch erwähnt werden sollten: Ein Zuviel an Geduld, Geduld am falschen Platz.