Bericht über die Auschwitz-Zeugnis-Ablegen-Retreats 2010-2014 und 2019

Wir handeln nicht in der Welt, damit sie eins wird, sondern wir handeln, weil wir alle eins sind: Zen bedeute, die Einheit des Lebens zu erkennen und den ‘Einen Körper’ wirklich zu erfahren. Damit ist Zen zugleich die Praxis des Friedenstiftens. (Buch von Bernie Glassman: Das Herz der Vollendung)

Bericht über die Auschwitz-Zeugnis-Ablegen-Retreats 2010-2014 und 2019 –
herzlichen Dank für Ihre/Deine Spende dafür!

Dieser Text erschien in der Juni-Ausgabe des österreichischen buddhistischen Magazins Ursache & Wirkung Nr. 112 / 2020:

Bereit sein, sich einzulassen:
Zeugnis-Ablegen-Retreat in Auschwitz – wie Monika Winkelmann Trauer erlebt hat

“Zu meinem ersten von sechs Zeugnis-Ablegen-Retreats im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz habe ich mich 2010 angemeldet. Zen Meister Bernie Tetsugen Glassman, Mitbegründer der Zen Peacemaker Gemeinschaft und der Zeugnis-Ablegen-Retreats in Auschwitz, war neben dem Dalai Lama, Anselm Grün und Gerd Scobel auf einer riesigen Bühne in Frankfurt zu sehen und zu hören. Ihn interessierte vor allem die Frage, wie wir denn die Botschaft zu denen bringen könnten, die nicht unter den Tausenden im Saal anwesend wären. Bernie nannte diese interreligiösen Einkehrtage in Auschwitz, die jeweils am Montag in der Frühe in Krakau mit einem schweigenden Auszug aus der Stadt zu den Bussen begannen, ‚Plunges‘. Auf Deutsch könnte man dazu Sprung oder Sich-Stürzen sagen. Für jeden Teilnehmer ist es ein Sturz ins Nichtwissen. Ohne Voreingenommenheit, ohne Absichten und ohne auf das Ergebnis zu schielen, sind wir bereit, uns voll und ganz auf die Situation einzulassen. Wir wollen  sowohl die Schreie wie das Heilsame wahrnehmen. Wir verlassen während des Retreats unsere Komfortzonen immer wieder aufs Neue.

Auschwitz war nie nur für diejenigen da, die durch ihre Lebensgeschichte als Betroffene oder Nachfahren mit dem konkreten Vernichtungslager verbunden sind. Bernie Glassman betonte immer wieder, dass Auschwitz auch für alle anderen Orte in der Welt, an denen Genozide und extreme Gewalt stattgefunden haben, steht.

So kam es, dass in der großen Gruppe von Teilnehmern und Teilnehmerinnen viele Nationalitäten vertreten sind, darunter zahlreiche Juden, wenige Deutsche von Täterseite, auch Menschen aus Ruanda oder Angehörige indianischer Stämme sowie Palästinenser und Sinti. Wir beten alle gemeinsam und lauschen den Beiträgen über das immense Leid, das den Familien angetan wurde und das sie als Kollektiv erfahren haben. Das Retreat bedeutet für mich: Trauern dürfen fünf Tage lang, aber auch vor und nach der Reise nach Auschwitz. Die Konfrontation mit starken eigenen Gefühlen und Gedanken und auch die Emotionen der anderen Teilnehmer*innen zu spüren und mit ihnen auf Tuchfühlung zu gehen. In täglichen Zeremonien rezitieren wir die Namen der Ermordeten und geben ihnen so ihr Antlitz, ihre Kostbarkeit zurück. Es gibt lange Geh-Meditationen in „edlem Schweigen“, auf den Schienen und um die Ruinen der Gaskammern herum. Im Kreis stehend sprechen wir das Kaddish, das jüdische Totengebet.

Wir beten in allen Sprachen der Anwesenden. Augenzeugen, die überlebt haben, lassen uns an ihren Erinnerungen teilhaben. So geschieht langsam, unmerklich, manchmal in Sprüngen, eine Transformation. Juden, Deutsche, Palästinenser und viele andere Teilnehmenden umarmen einander, halten sich im Schmerz in ihrer tiefen Berührtheit und Verbindung. Die Membran zu den Toten wird manchmal sehr dünn, sodass man sie zu hören vermeint.

Auch die Mörder auf den Türmen, an der Rampe kann man hier und da spüren. Manchmal wird auch für die Vorfahren einiger deutscher Teilnehmer, Nachfahren von Tätern, laut gebetet. Ist das richtig?, fragen sich einige Freunde. Wie kann es anders sein, sagen andere. Versöhnung in Auschwitz: ein Weg, kein Ziel. Frieden ist ein Geschenk, für den wir den Boden definitiv bereiten können. Heute kann ich über Auschwitz sprechen. Ich sehe heilsame Bilder vor mir, und ich zähle Juden zu meinen Freunden. Gespräche in meiner Familie und in meiner Zen-Gruppe, in anderen Gruppen, über die Vergangenheit sind möglich.

Es tat einigen einfach gut, dass ich stellvertretend für eine ganze Reihe von Zeitgenossen Zeugnis abgelegt habe. Ich habe mehrmals still und auch laut um Verzeihung gebeten. Die Dialoge und Kreisgespräche während des Retreats in der großen internationalen Gruppe tragen zu meinem Frieden bei.”

 

Ihr wart Teil meiner Aufenthalte in Auschwitz.
Durch Eure Unterstützung: vor Jahren, oder im vergangenen Jahr.
Materiell oder indem Ihr mir Symbole, Kerzen oder Geld für Kerzen, Gebete oder Briefe mitgegeben habt.
Das Wunder von “Dana”, von Spenden, ist ja diese Gegenseitigkeit, ich reiste, pilgerte ja auch für Euch, mit Euch.
Auf diese Weise war es mir nicht nur leichter, mich anzumelden, sondern ich habe mich von Euch umgeben und gehalten gefühlt.

Warum habe ich trotz meiner großen Dankbarkeit so lange für meinen Bericht gebraucht?
In erster Linie fand ich es eine Zeitlang nahezu unmöglich, über diesen Ort zu schreiben. Es ist zu schmerzhaft, zu komplex und jedes Jahr war es wieder anders.   Danach kamen andauernd kleinere, mittlere und größere Krisen dazu, die mich oder uns durchschüttelten und alles in Verzug brachten, was ich mir vorgenommen hatte.

Erst die Bitte um einen Beitrag von Ester Platzer, der Chefredakteurin der “Ursache & Wirkung”, hatte die Wirkung eines Gongs für mich – ich wachte auf und machte mich ans Werk. Durch meine Zusage war ich quasi zu diesem Schritt gezwungen, und dazu kam, dass ich eine bestimmte Anschlagzahl nicht überschreiten durfte. Das zentrierte mich und ließ mich an der Essenz meiner Aufenthalte arbeiten. Ich hätte sonst nicht gewusst, was ich an mir Wichtigem weglassen sollte, so übervoll ist mein Herz auch heute noch, wenn ich an die Einkehrtage zurückdenke. Insgesamt habe ich dreißig Tage in Auschwitz-Birkenau verbracht und zusammen mit den vor- und nachbereitenden Tagen in Krakau, drei Fortbildungen in „Council“ inbegriffen, werden noch einmal 12-15 Tage dazu kommen.

Der Text wurde von der Redakteurin noch einmal gekürzt, und sie nahm sich außerdem noch des rahmenden Teils über Bernie und sein Werk an. Dafür, dass Ester bisher noch an keinem Retreat teilgenommen hat, ist es ihr gut gelungen, den Geist der Treffen einzufangen.
Das ist der Grund dafür, Euch genau diesen Text heute zu schicken.

Gerne möchte ich Euch meine Bildauswahl erläutern:

Im vergangenen Jahr kam Eve Myonen Marko, Mitgründerin der Zen Peacemaker, Buchautorin und Witwe von Bernie zusammen mit Bernies Tochter für zwei Tage zum Retreat für eine kleine, fast private Trauerfeier. Das erste kleine Foto zeigt Rami Efal im Zentrum; er war für einige Jahre Direktor der Zen Peacemaker Gemeinschaft und hatte sie bereits während Bernie’s Krankheit sicher und liebenswürdig geleitet.

Einige Menschen, die Jahrzehnte lang zu dem Team der engeren Mitarbeiter im Leitungs-Team der Auschwitz-Zeugnis-Ablegen-Retreats gehörten, reisten ebenfalls eigens zu dieser Trauerfeier auf Heiligem Grund und Boden, um sich ein weiteres Mal vor ihrem Freund und Meister zu verbeugen.

Auf dem zweiten kleinen Foto sieht man den Bereich Auschwitz I mit den Baracken: Hier beginnt stets das Retreat mit einer Führung in den verschiedenen Sprachen. Man glaubt, Vieles zu kennen oder gehört zu haben. Aber das stimmt nicht. Man weiß nichts. Jedes Mal dringt eine andere Art von Leiden an unser Ohr, in uns ein, oder wir sind, wie in meinem “Fall”, einfach offener geworden.

Ich schrieb einmal einen Text, da nannte ich Auschwitz “Universität des Herzens”. Das trifft es.

Mögen wir Mitgefühl für alle Leiden und Leidenden haben, all unsere Tage: Jetzt, hier und überall.

Danke für Deine Praxis.

Monika Jion

P.S.: Ich würde gerne Vorträge halten in Verbindung mit dem Kreisgespräch (“Council” = Zu Rate sitzen), das einige von Euch schon kennen und für das man sich ausbilden lassen kann (www.centerforcouncil.org). Für Ideen, Vermittlung bin ich dankbar.
Ich möchte zudem Council mit Kontemplativem Schreiben verbinden, was ich in Bonn bereits praktiziere und aus Sicht aller Teilnehmenden segensreiche Erkenntnisse bringt und Verbindung untereinander schafft.

Zutiefst überzeugt von der Methode des Councils durch unzählige Kreissitzungen, die ich inzwischen selber geleitet habe, werde ich meine Erfahrung jetzt weitergeben. Das Angebot wird demnächst auf meiner Website veröffentlicht und ist auch Online durchführbar. Wer ist interessiert?

English Translation

REPORT ON THE AUSCHWITZ-BEARING-WITNESS-RETREATS 2010-2014 and 2019 – THANK YOU VERY MUCH FOR YOUR NOBLE DONATIONS!

Dear friends and companions!

This text appeared in the June issue of the Austrian Buddhist magazine Ursache & Wirkung (Cause & Effect) No. 112 / 2020:

Ready to engage:
Bearing witness retreats in Auschwitz – how Monika Winkelmann experienced grief

I registered for my first of six bearing-witness-retreats in the former concentration camp Auschwitz in 2010. Zen Master Bernie Tetsugen Glassman, co-founder of the Zen Peacemaker community and the Retreats in Auschwitz, was to be seen and heard on a huge stage in Frankfurt, next to the Dalai Lama, Anselm Grün and Gerd Scobel. He was particularly interested in the question of how we could bring the message to those who were not present among the thousands in the hall. Bernie called these interreligious retreats in Auschwitz ‘plunges”: they always began on November Monday morning in Krakow with a silent departure of the attendants from the city to the busses. For every participant it is a plunge into not knowing. Without bias, without intentions and without looking at the result, we are ready to fully engage with the situation. We want to perceive both the cries and the healing. During the retreat we leave our comfort zones again and again.

Auschwitz retreat has never been only there for those who were concretely affected by the extermination camp through their life story as victims or descendants. Bernie Glassman repeatedly emphasized that Auschwitz also stands for all other places in the world where genocides and extreme violence took place.
     
This invitation led to the fact that in the large group of participants many nationalities are represented, including numerous Jews, often few Germans on the perpetrator’s side, also people from Rwanda or members of Indian tribes as well as Palestinians and Sinti. We all pray together and listen to the contributions about the immense suffering that was inflicted to the camp prisoners and that they experienced as a collective. The retreat means for me: Mourning is allowed for five days, but also before and after the journey to Auschwitz. To feel the confrontation with strong feelings and thoughts of one’s own and also the emotions of the other participants and to get in touch with them. In daily ceremonies we recite the names of the murdered and thus give them back their face, their preciousness. There are long walking meditations in “noble silence”, on the rails and around the ruins of the gas chambers. Standing in a circle we recite the Kaddish, the Jewish prayer for the dead.

We pray in all languages of the people present. Eyewitnesses who have survived share their memories with us. Slowly, imperceptibly, sometimes in leaps and bounds, a transformation happens. Jews, Germans, Palestinians and many other participants embrace each other, holding each other in pain in their deep touch and connection. The membrane to the dead sometimes becomes very thin, so that one seems to hear them.
     
Also the murderers on the towers, on the ramp, you may feel here and there. Sometimes there is also a loud prayer for the ancestors of some German participants, descendants of perpetrators. Is that right?, some friends ask themselves. How can it be otherwise, say others. Reconciliation in Auschwitz: a path, no goal. Peace is a gift for which we can definitely prepare the ground. Today I can talk about Auschwitz. I can see healing images inwardly, and I count Jews among my friends. Discussions in my family and in my Zen group, in other groups, about the past are possible.

It was beneficial for some people – I heard – that I beared witness on behalf of them and many known and unknown Germans. I have asked for forgiveness several times, silently and loudly. The dialogues and circle discussions during the retreat in the large international group contribute to my peace, to our peace, I hope and pray.

 

You were part of my stays in Auschwitz.
Through your support: years ago, or last year.
Materially or by giving me symbols, candles or money for candles, prayers or letters.
The miracle of “Dana”, of donations, is this reciprocity, I travelled, pilgrimaged for you, with you.
In this way it was not only easier for me to register, but I felt surrounded and held by you.

Why did it take me so long for my report despite my great gratitude?

In the first place I found it almost impossible to write about this place, for a while. It is too painful, too complex and every year it was different again. In addition there were always smaller, medium and larger crises that shook me or us and caused me to delay everything I had planned to do.

Only the request for a contribution from Ester Platzer, the editor-in-chief of “Ursache & Wirkung”, had the effect of a gong for me – I woke up and set to work. I was practically forced to take this step by my promise, and in addition I was not allowed to exceed a certain number of words. This centered me and let me work on the essence of my stays. Otherwise I would not have known what to leave out of what was important to me, my heart is still so overflowing today when I think back to the retreat days. I spent a total of thirty days in Auschwitz-Birkenau, and together with the preparation and follow-up days in Krakow, including three further training sessions in “Council”, another 12-15 days can be added. No wonder that I am feeling so “at home” in Krakow and in the Center for Dialogue and Prayer, close to the camp.

The editor shortened the text once again and also took care of the framing part about Bernie and his work. For the fact that Ester has never attended a retreat before, she managed to capture the spirit of the meetings very well.

That is the reason for sending you exactly this text today.

I would like to explain my choice of images:

Last year, Eve Myonen Marko, co-founder of the Zen Peacemakers, author and Bernie’s widow, together with Bernie’s daughter came to the retreat for two days for a small, almost private funeral service. The first small photo shows Rami Efal in the center; he was director of the Zen Peacemaker community for several years and had already led it safely and graciously during Bernie’s illness.

Some people, who for decades belonged to the team of the spiritholders’ team of the Auschwitz Retreats, also travelled especially for this funeral service on Holy Ground to bow once more before their friend and master.

On the second small photo you can see the Auschwitz I area with the barracks: Here the retreat always begins with a guided tour in the different languages. One believes to know or have heard a lot. But this is not true. One knows nothing. Each time a different kind of suffering penetrates our ear, pierces us, or, as in my “case”, we have simply become more open.

I once wrote a text calling Auschwitz the “University of the Heart”. That is what it is, for me.

May we have compassion for all the suffering and those who suffer, all our days: now, here and everywhere.

Thank you for your practice.

Monika Jion

P.S.: I would like to give talks in connection with “Council”, which some of you already know and for which one can be trained and certified. (www.centerforcouncil.org). I am grateful for your ideas and recommendations.
I would also like to combine council with contemplative writing, which I already practice in Bonn and which, from the point of view of all participants, brings blessed insights and creates a connection among each other.

Deeply convinced of the method of Council through countless circle sessions, which I have led myself in the meantime, I now wish to pass on my experience. The offer will soon be published on my website and can also be done online. Who is interested?

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