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Das Baby in uns und die Anderen

von | 20. Aug 2019 | 0 Kommentare

Das Baby in uns und die Anderen – Zu lange war es nicht mehr spontan da – mein Baby. Mein inneres Baby.

Dabei hatte ich wirklich viele Jahre damit zugebracht, einen Kontakt zu ihm herzustellen, sein Vertrauen zu gewinnen, zu lernen, für es da zu sein, wie ich es mir von meiner Mutter nicht so recht abgucken konnte. 
Und dann die vielen Babys und Kleinkinder außen, auf dem Mittelmeer, auf dem Boden des Mittelmeeres, sonstwo in Kriegen umgekommen. Und die in Käfigen, Containern gehaltenen Kleinkinder, sogar Umarmungen wurden verboten! So züchtet man, falls sie überleben, Menschen ohne Gefühl heran, bereit, sich zu unterwerfen, aber auch, andere zu unterwerfen. Viele von uns, die wir im Nachkriegsdeutschland aufgewachsen sind, wissen ein Lied davon zu singen. Es ist aber kein schönes Lied. Über die Jahre, durch meditative Praxis, Therapie, Kunst, Schreiben, Gruppentrainings und mehr kann ich leicht und schnell ein Bild von der jungen Monika einladen und Kontakt mit ihr aufnehmen, mit ihr sprechen, ihr zuhören.
Eines verträgt sie gar nicht: Negativen Stress. Zuviel. Und es war ein bisschen zu viel im letzten und auch in diesem Jahr. Zu wenig wirklich freie Zeit. Ich spürte es daran, dass ich keine Musik mehr hörte oder machte. Kaum aber begann ich damit, wie gestern, war es sofort wieder da: Als ich heute früh saß und meditiere, erschien es mir und legte sich mir in den Schoß. Es war nackt, und ich nahm es unter meinen Kimono. Wir beide fühlten uns sehr wohl. Endlich einmal wieder! Was war nur geschehen, warum war es mir abhanden gekommen?
Ich wollte seine Zartheit nicht spüren, seine Verletzbarkeit, seine Angst, wenn es laut um uns würde oder wenn ich zerstreut wäre. Wie oben ausgeführt, ich hatte nicht mehr gefühlt, wie extrem traurig es mich macht, dass so viele Kinder in dieser Welt leiden, schwere emotionale und physische Schmerzen ertragen müssen, die derartig gravierend sind, dass sie sich durch Abspaltungen aller Arten schützen müssen. Das hatte mich zermürbt und bitter gemacht, nicht durchgehend, aber genügend, dass mein inneres Baby keine sichere Aufmerksamkeit mehr erhielt. Es verschwand im Untergrund. Ist das nicht subtil?

Aber so feinsinnig sind wir, werden wir, vor allem, wenn wir eine Meditationspraxis pflegen. Jedenfalls hatte ich wieder Musik gehört, gesungen und mein Baby hat sich willkommen gefühlt. Während wir so saßen und ich ihm versprach, es für eine gute Weile ganz eng bei mir zu tragen, „sah“ ich Folgendes: Wir sollten einander so behandeln. So zartfühlend, als hätte jedeR sein inneres Baby oder Kleinkind dabei. Es ist ja ohnehin da! Auch wenn dieses verstört ist, „unartig“, seltsam…- ich stelle mir vor, wie viel natürlicher Frieden und zarte Aufmerksamkeit wohl von uns ausgehen werde, wenn da dieses winzige Wesen mit den großen Augen AUCH auf uns schaut, wenn wir dem „schwierigen“ Mitmenschen gegenüber stehen, sitzen…
Ich kenne jedenfalls so einige Zeitgenossen, oder ich begegne welchen, zu denen ich am liebsten sagen würde: „Darf ich mal?“ – während ich in die Augen des (inneren!) Babys schaute, es dem Erwachsenen abnehmen wollend. Diese Kleinstkinder lassen erkennen, dass sie mal eine ordentliche Portion Wärme, Gehalten werden, Spaß, Sicherheit gebrauchen könnten. 
Dieser inneren Verbindung werde ich mich in der kommenden Zeit besonders widmen: Der zu meiner winzigen, süßen Monika und der zu den Säuglingen und Krabblern „schwieriger“ Mitmenschen. Dabei werden wir vielleicht ein „blaues Wunder“ erleben: Tröstend, verbindend, heilend. Davon unberührt bleibt mein trauriges, aber klares Wissen, dass wir manche Kinder aus der Familie holen müssen, ganz oder zeitweilig, es in die Obhut von geschulten Menschen gebend. Dem „schwierigen“ Mitmenschen rät man dann vielleicht, sich mal eine Beratung zu gönnen… 
Auch auf diesem Weg kann viel Heilung und Transformation geschehen: Manchmal müssen Schutz und auch Schutz vor sich selber im Vordergrund stehen. 
Ich bin neugierig und bereit: Mehr für alle Kinder da zu sein. Für die, die wir waren und sind.
Für die, die uns begegnen, überall, tot oder lebendig.
Und für die Ungeborenen.

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