Zum Hintergrund des 22-Synagogen-Projektes:
Als wir im vergangenen November eine Karte unserer Region sahen, auf denen die 22 Synagogen durch jeweils einen Punkt mit einem winzig kleinen Feuer gekennzeichnet waren, waren wir wegen der Anzahl schockiert.
Dass die “Gotteshäuser” der als befremdend erlebten Religion bzw. der als befremdend abgewerteten Menschen ohne jede Scham zerstört, geplündert und für weltliche Zwecke missbraucht wurden – wie im Wohnort Vietz (poln. Witnica) meiner Mutter (kürzlich sah ich eine anders lautende Nachricht mit dem Inhalt, mein Großvater habe diese Synagoge gekauft – hat mich immer besonders verstört. Vielleicht hat er sie gekauft, wie er auch das sog. „Schlösschen“ in Cammin einem Juden abgekauft hat (ich erinnere dunkel eine lächerlich kleine Summe), in dem große Feste gefeiert wurden. Da diese Begebenheit in der Familie nie erwähnt wurde, wie auch die Fremdarbeiter nicht, nehme ich an, dass schon bekannt war, lieber gar nicht darüber zu sprechen. Ich sage das hier nicht, weil ich es lustvoll finde, meiner Familie einen Schatten anzuhängen. Sondern deshalb, weil es einen Schatten gab, und zwar einen großen! Einen, von dem ich erst später, n Bruchstücken, die sich nach und nach zusammenfügten, erfahren sollte. Ich möchte das toxische Geheimnis, dass uns als Nachgeborene schwer belastet hat, nicht geheim halten, sondern, im Gegenteil, andere meiner deutschen Geschwister, wie die vielen, mit denen ich in bald zwei Jahrzehnten in der „Dialog- und Schreibwerkstatt für Kriegskinder und deren Nachfahren: Schwere Lasten abwerfen“, in den fünf Jahre währenden Kreisgesprächen für Kriegskinder, Kriegsenkel und Urenkelinnen sowie bis heute, in größeren Abständen, Tages-Selbsterfahrungs- und Schreibseminare für Kriegsenkel an unterschiedlichen Standorten und in verschiedenen Seminarhäusern in Deutschland. – Der Prozess, Erinnerungen und Mutmaßungen, die später oft zu Gewissheiten werden, in einer professionell geleiteten Gruppe, ist wesentlich leichter erträglich, als ihn in irgendeiner Weise alleine machen zu wollen. Oft hören andere Gruppenmitglieder aus den Texten mehr, als sie bewusst oder intuitiv geschrieben haben. Intuitiv zu schreiben und einander „Heilsame Resonanz“ zu geben, in einem professionell gehaltenen Raum, mit einer bewährten Struktur und Spielregeln, stößt wechselseitig Erinnerung an, die reif ist und geteilt werden möchte. Da ich mein Vertrauen auf die Struktur, auf die Gesetze der Seele, die nur freigibt, was reif ist, in meine langjährige Erfahrung, mit schwersten Wunden, Traumata, Tod, verschütteter Trauer und Scham sowie in die Resilienz der einzelnen und der Gruppe setze, sind wahrhaft erstaunliche Ergebnisse entstanden, an Texte, an Genesung von Zerwürfnissen, an Befreiung von erdrückender Schuld und Scham, auch über Unwissenheit. Jedoch wissen wir immer mehr, als wir denken, unsere „Leibarchive“ sprechen manchmal sehr deutlich zu uns.
Als ich nun, ein Jahrzehnt nach der Blütezeit der besagten Wochenend-Workshops einem Freund davon erzählte, dass ich mich wie gerufen fühle, war er sofort dabei. Wir würden uns nach und nach auf Spurensuche aller 22 Synagogen machen, im Abstand von ca. 4-6 Wochen. Mit UNKEL würden wir beginnen. Inzwischen waren wir sowohl in Unkel wie auch im Oktober, in Bonn-Beuel, als Ingo Thies erkrankte und für länger als einen Monat ausfiel.
Was bedeutete das für das Projekt? Ich beschloss, das Vierteljahr bis 2026 auszusetzen und dann neu zu schauen. Das Ergebnis unseres Gesprächs ist wie folgt:
Wir fahren Ende Januar mit dem dritten Termin (Siegburg) fort, auch wenn manche Menschen mir ihre Verwirrung gestanden: Ist das wirklich die Zeit, um sich mit den Synagogen zu befassen? Ich erinnerte mich an Bernie Tetsugen Glassman Roshi, den Mit-Gründer (zusammen mit seiner zweiten Frau Sandra Jishu Holmes) des Zen Peacemaker Ordens, in den ich als „Dharmaholder der Zenpeacemaker-Kreise“ ordiniert wurde. (Ich betone das, weil der Orden zwischenzeitlich nicht mehr Orden hieß, bis man offenbar zu dieser Bezeichnung zurückkehrte: Etwas verwirrend manchmal, die so kreativen, experimentierfreudigen (Zen)Peacemaker). Bernie ließ sich gerne so nennen, wie ich es jetzt tue. Er wob in seine Einführungsreden, die er für die jeweils neuen Großgruppen von internationalen Retreat-Teilnehmern an den jährlichen „Auschwitz-Zeugnis-Geben-Einkehrtagen“ hielt, immer ein, dass Auschwitz selbstverständlich für alle Trauernden stünde, die ihre Lieben an diesem Ort verloren hatten. Ich war tatsächlich in jenen Jahren eng befreundet mit jüdischen Zen Peacemakern, die, genauso wie ich, mehrfach hintereinander nach Polen reisten und die Geschichte ihrer Vorfahren mit uns teilten. Wir anderen trauerten mit ihnen, und auch um unsere oft zerrütteten Familien und die vielen Verluste beider Weltkriege, an Anstand und Vertrauen, aus unserem großen Schamgefühl heraus, und waren froh, Solidarität und Mitgefühl üben zu können. Manche von uns sprachen im Namen der Nazis unseres Landes und entschuldigten sich, anstelle unserer Familienmitglieder oder stellvertretend für Lehrer*innen und Ärzte, die den Ungeist von Nazis verkörperten.
Bernie fuhr dann in weiteren kurzen oder längeren Reden und Andachten fort, uns zu inspirieren, dass Birkenau und die Stammlager sowie das verleugnete Lager in Krakow auch für andere Genozide stünden, für andere Lager, andere Länder, andere als jüdische Trauernde – dies war ihm sehr wichtig. Was dazu führte, dass auch führende Friedensaktivistinnen und -aktivisten aus Ruanda, Bosnien, Kroatien, Russland, Palästina, Indigene Freunde aus Nordamerika, Südamerika, Armenien, Syrien mit uns waren. Nicht alle auf einmal natürlich, manche sahen wir wieder, anderen bekamen nur ein einziges mal ein Visum. Einige von uns, darunter ich, ließen sich ausbilden in Council, einem Workshop, der stets eineinhalb Tage vor dem Beginn des Zeugnis-Ablegen-Retreats in Krakau stattfand, und in Interreligiöser Dialog-Arbeit, die wir dann in unseren jeweiligen Ländern anwenden und verbreiten würden. Manche organisierten, wie in Bosnien, Ruanda und in Süd-Dakota Zeugnis-Geben Retreats mit Bernie und seiner Frau Eve Myonen Marko oder mit Frank DeWaele Roshi aus Ghent oder mit dem Lakota-Älteren Tiokasin Ghosthorse. Wieder andere lösten sich ein wenig, wollten die Preise niedrig und das Anmelde-Prozedere flach halten und erfanden, wie ich selber, eine Mischung aus Straßen-Retreat und Zeugnis-Geben-Retreat der Zen Peacemaker in Lampedusa, Nordsizilien und Kalabrien, und Selbsterfahrungs-und Transformations-Klausuren in Auschwitz, Zen und Dichtkunst verbindend. Eine von uns hat ein wunderbares mehrwöchiges Retreat in Piräus ins Leben gerufen, die zehn Tage dort, mit Petra Zenryu und meinem jungen Freund Jonas Hackethal sowie wechselnden Peacemakern aus aller Welt sind unvergessen. – Rückblickend fand ich dieses Modell, das uns immer wieder zu einem vertieften Umarmen, einem diverseren und noch inklusiverem Denken und Empfinden anleitete, äußerst fruchtbar und wegweisend.
Ich möchte ein wenig solchen Denkens und Empfindens auch in unser Synagogen-Projekt einladen – jede und jeder so, wie es ihm und ihr möglich ist. Diese Bewusstseinsarbeit möge uns befähigen, in uns selber, in unseren Peergruppen, Tendenzen aufzuspüren, die uns träge, selbstgerecht und ungerecht werden lassen.
Wie ich den Zen Meister Alexander Poraj vom Benediktushof neulich in einem seiner zahlreichen pointierten Impulsvorträge sagen hörte, sollten wie aufpassen, dass wir nicht die Asche, sondern das Feuer weiter gäben.
Das hat mich sehr berührt, denn wie kann es uns gelingen, auch junge Menschen, wie es in Plum Village und im eiab (European Center for Applied Buddhism) in Waldbröl zu bestaunen ist, anzuziehen, zu begeistern und sie mit-tun zu lassen? Wir hinterlassen ihnen, den jungen, unseren Kindern, Enkelinnen und Kindeskindern, ein unbeschreibliches Ausmaß an beängstigenden Themen, die viel mehr als „Themen“ sind, sondern Tatsachen, die Verunsicherung und schweres Leid verursachen oder verursachen können und werden. Und wo nicht bei uns, dann woanders in einer durch und durch miteinander vernetzten, verwobenen Welt.
Mit dem „22-Synagogen-Projekt im Rhein-Sieg Kreis“, das wir übrigens ab 2026 vierteljährlich anbieten, schwingen aktiv und lebendig die Themen „Restorative Justice“, die „alten“ Themen „Bekenntnis von Sünde oder Schuld, Reue, Sühne, Wiedergutmachung, Versöhnung und mehr“ mit. Für mich auch Gott, „ER“ stellt sich ein, wenn ich gut zuhöre. Schließlich lebe ich seit bald 74 Jahren im christlichen Europa, evangelisch getauft! Seit ich mit Kriegskindern und deren Nachfahren in Dialog- und Schreibwerkstätten arbeite und gearbeitet habe, mit Schreibkunst, aber auch mit Council, Dyaden, Dialogarbeit, begegnete mir ein derartiges Ausmaß an Schweigen, das sich langsam im Kreis von Geborgenheit und Zugehörigkeit aufzulösen begann. Viel leichter im schriftlichen, dichterischen Wort, mit erfahrener Resonanz, als mündlich… seit ich also ca. 2007 mit diesem Angebot begann, meist von Freitag bis Sonntag, wurde mir intuitiv bewusst, was sich schon während der Jahresgruppen KALLIOPE-Frauenschreibschule deutlich abzeichnete: Zeremonien waren angesagt. Trauer- und Heilungs-zeremonien. In schwerer Trauer kannte ich mich aus und bildete ich mich ständig fort. Sie verlangte nach einer sakralen Atmosphäre, nach einem Altar im Raum, auf den jede Teilnehmerin/jeder Teilnehmer etwas legen konnte, was ihm oder ihr heilig war und/oder, was nur dort gut aufgehoben war. Das mag für viele schockierend sein, für mich als in Themenzentrierter Interaktion und anderen Gruppen- bzw. Kreisverfahren jedoch normal: Wir kreiierten unsere Rituale ähnlich denen, die wir aus den Weiterbildungen kannten und dazu erfanden.
Hierzu und zu meiner Arbeit, die ich auch „unsere Arbeit“ nennen könnte, denn sie entstand aus der Intuition und Interaktion, schreibe ich an anderer Stelle weiter.
Für das Synagogen-Projekt heißt das, dass es ebenfalls einer klaren, wiederholbaren Struktur bedarf, die an den Ort und die Gegebenheiten angepasst sein muss. Es gibt einen schützenden, haltenden Container aus Ansprache, Gebet und Zeremonie geben, der dennoch weit genug ist oder Raum lässt für freien Ausdruck, z.B. Gebet anderer Religion oder Gedicht/Zitat ohne religiösen Hintergrund, andere Sprache (hebräisch, arabisch, slawisch, andere europäische oder außereuropäische Sprachen, falls jemand aus einem solchen Land mit uns geht. – Das kann nicht anders als mit einem demütigen und offenen Geist geschehen, jedenfalls einem, der sich bewusst ist, dass eine Unzahl von Leiden Folge westlicher, raub-kapitalistischer Lebensführung ist, die uns nach und nach zu Bewusstsein kommt.
Die Europäische Judenvernichtung ist aus unserer Sicht ein Faktum, mit dem wir leben lernen müssen. Der deutsche Beitrag dazu, auch wenn Menschen anderer Länder ihn möglicherweise offen oder verdeckt durchaus schätzten, geht zu unseren deutschen Lasten. Ich habe immer wieder bestätigt gefunden, dass es durchaus ein „wir“ und ein „uns“ gibt, immer noch gibt, das uns nachschleichen wird, wenn wir uns nicht umdrehen und beherzt und mutig JA zu der Europäischen, und JA zu der Deutschen Schuld sagen. Schuldgefühle sind etwas anderes als konkrete, nicht relativierte Schuld. DAS ist es, nachdem sich die Nachfahren von verfolgten, misshandelten, getöteten jüdische Menschen, Roma oder Sinti, verfolgte Geistliche oder kommunistische Menschen, gleichgeschlechtlich liebende, und…und… sehnen, sie möchten wirklich empfundene Reue mit an dazu gehörigen Gefühlen und Prozessen wahrnehmen. In Birkenau kann keiner und keine mehr irgendetwas heucheln.
In unseren Herzen, in den Herzen derer, die von uns hören oder mit uns kommen, mögen die zum großen Teil wunderschönen Synagogen wieder erblühen. So, wie ich in Palermo, Sarajevo, sogar auf der winzigen Insel Lampedusa Zeugnisse der drei großen abrahamitischen Religionen gesehen habe: An den Sprachen der Straßenschilder, and den Gebäuden oder Überresten von Gebäuden, an den Straßennamen: Es war einmal möglich gewesen. Friedliches Beieinander und Miteinander von Juden, Christen und Muslimen. Ich schäme mich zu sagen, dass es die christliche Inquisition war, während der im 15. Jahrhundert zum Beispiel den jüdischen Einwohnern eines lebendigen Städtchens am Meer in Nordsizilien ein paar Wochen zugestanden wurde, die Insel zu verlassen oder zu konvertieren. (Was übrigens auch nicht immer ein Schutz war, siehe Edith Stein). Nach 500 Jahren (fünfhundert!) wurde ein versteckter Raum in Palermo gefunden, der als Archiv gedient hatte und es möglich machte, dass in ganz kurzer Zeit, sowohl in Palermo wie auch in Neapel, das Fach Judaistik an den Universitäten wieder etabliert wurde.
Unsere Trauer ist also vielseitig, vielschichtig, denn wir Deutschen haben in unseren Familien Nazis gehabt, es gibt wirklich wenige, wo das tatsächlich anders gewesen sein mag, ich kenne persönlich ein einziges Beispiel. Hier gibt es verständlicherweise noch große Angst, Scheu, manchmal Verleugnung, was man wohl noch entdecken muss. Alleine schon aus den beiden letzten Gründen „lohnt“ es sich allemal, dafür einen Tag, alle drei Monate, bewusst zu geben. Jede und jeder, der oder die auch nur einmal mit uns gegangen ist, wird sich wahrscheinlich herzberührt fühlen, vielleicht vollständiger, das heißt: lebendiger als vorher. Vielleicht ist das Wunschdenken. Ja, auch dies ist oder kann ein Weg zur Befreiung werden.
Von Versöhnung spreche ich nicht so gerne, es ist ein großes Wort, und ich finde, sie kann uns nur von der anderen Seite angeboten werden. Wünschen dürfen wir diese natürlich uns unseren Teil dazu beitragen. Versöhnung aber haben wir in der Hand, wenn es um unsere Ahninnen und Ahnen geht. – Hier möchte ich ein wenig zur Vorsicht raten: Versöhnen Sie sich, aber nicht, bevor Sie sich mutig mit deren Beteiligung am Holocaust auseinandergesetzt haben.
Die Texte, die vor und in Unkel von uns drei Teilnehmern entstanden sind, sind auf auf der Blogseite „Texte, Berichte..“ zu finden. So werde ich auch mit den noch zu schreibenden Texten zu den anderen Mahnmalen verfahren: Ich gebe Raum und Impulse zum spontanen Schreiben (meist nur für einige Minuten, außer in der individuell zu gestaltenden Zeit). Wir legen dann nieder, was gerade in uns „oben auf“ liegt. Das Entstandene vorzulesen, ist freiwillig. Wie auch das Schreiben freiwillig ist. Abe: Probieren Sie es einmal aus, Sie werden überrascht sein. Russisch, Hebräisch, alle Sprachen sind willkommen.